50. Vorderladerschießen Feuerwasser und Indianertanz auf dem Hasenbühl

Schwäbisch Hall / Thumilan Selvakumaran 03.09.2018
Etwa 350 Hobbyisten schlüpfen am vergangenen Wochenende in ihre Wildwest-Rollen. Auf dem Hasenbühl wird 50-Jähriges gefeiert.

Exakt ein Dutzend Kanonen sind in Richtung der modernen Jagdgründe gerichtet, die sich hinter der Bühlertalstraße am Gründle in Form von Alu-verschalten Zweckbauten diverser Einzelhandelsketten erheben. Es liegen zwar nur 800 Meter Luftlinie zwischen den Schauplätzen – sie trennen aber Jahrhunderte. Dort, wo die schweren Geschütze scharf gemacht werden, gesellen sich  Cowboys, Soldaten und Trapper zu Prärieindianern. Enthusiasten, die mehr oder minder in ihren Rollen aus dem Wilden Westen aufgehen.

„Wir schießen von rechts durch“, ruft einer der Südstaatler. Kurz darauf knallt es im Sekundentakt. Aus allen zwölf Rohren quillt dichter Rauch, der den Hasenbühl in Nebel hüllt.

55.000 Steinchen am Hemd

Anlass ist das internationale Vorderladerschießen der Haller Schützengilde, das heuer 50-Jähriges feiert. Es gilt als europaweit größtes Event dieser Art. Zu den Stammgästen gehört ein Lakota-Sioux-Indianer mit seiner Familie. 55.000 Steinchen schmücken alleine sein Hirschleder-Hemd. Nochmal so viele dürften es auf der Hose und den Mokassins sein. „Alles selbst gemacht“, betont Horst Niebergall aus der Nähe von Eisenach, der im echten Leben Technik und Sport unterrichtete. Seit 18 Jahren kommt der 66-Jährige mit Ehefrau Gudrun (65) sowie Sohn und Schwiegertochter nach Hall. Die elfjährige Enkelin kennt die Veranstaltung in Hall, seit sie ein halbes Jahr alt ist.

Und was macht ein Sioux-Indianer den ganzen Tag auf dem Hasenbühl? „Es gibt immer etwas zu tun“, sagt der pensionierte Lehrer. „Aufbauen, abbauen, kochen, Feuer machen, ausruhen. Ich schaffe gar nicht alles, was ich mir vorgenommen habe.“ Er deutet auf noch blanke Baby-Mokassins, ebenfalls aus Hirschleder. Am Mittag erst habe er sich mit den anderen Indianer zum „Powwow“ getroffen und getanzt. Ihr Volk sei aber traditionell in der Unterzahl. „Es ist eben deutlich aufwendiger mit all den Federn und dem Schmuck“, sagt der Häuptling, „vor allem, wenn man es authentisch machen möchte.“ Dazu gehöre, nicht nur alles selbst zu nähen, sondern sich auch in die Tradition einzulesen, also fernab der Klischees der Hollywood-Streifen. „Wichtig ist auch die Naturverbundenheit, die für uns auch im zivilisierten Leben eine Rolle spielt.“ Die Familie sei beispielsweise Mitglied im Naturschutzbund sowie beim WWF. „Wir sind keine, die die Bäume umlegen wollen.“

Zahl der Hobbyisten sinkt

Auch wenn Horst Niebergall selbst keine indianischen Nachwuchssorgen hat, bemerkt er doch, dass die Zahl der Hobbyisten auf dem Hasenbühl Jahr für Jahr weniger wird. „Die Leute, die kommen, sind älter. Junge Leute sind kaum noch für Indianer- und Cowboy-Leben zu begeistern, eher für Feen und Star Wars.“ Eine Ausnahme bilde nur der Fasching, wenn die Kostüme bei den Kleinsten doch begehrt sind.

Das bemerkt auch Oberschützenmeister Hermann Kurz von der Schützengilde Hall, wenngleich die Zahl der angemeldeten Hobbyisten mit 350 auf ähnlichem Niveau wie im Vorjahr liege. Dennoch sei ein schleichender Rückgang spürbar – auch beim Wettkampf selbst: Es sind rund 1900 Durchgänge mit je fünf Schuss angesetzt. „Ordentlich, aber doch weniger als früher“, meint Kurz. Mit ein Grund: Der Schützensport sei bei jungen Leuten häufig verpönt.

Zu den Anfangszeiten am Hasenbühl vor 50 Jahren wurden noch mehr als 2200 Durchgänge geschossen, nachdem das Treffen vom Deutschen Waffenjournal – einst neben dem Haller Tagblatt Teil des Schwend-Verlags – aus der Taufe gehoben wurde. Zu Beginn hatten sich noch Bürgerwehren beteiligt – im zweiten Jahr mit Parade und Empfang auf dem Marktplatz, so Kurz. Noch in den 1970ern hätten sie sich wieder verabschiedet. Darauf rückte in Hall neben dem Schießen immer mehr der Wilde Westen in den Vordergrund, der nach wie vor zahlreiche Neugierge auf das Areal samt Marktständen lockt.

Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim verweist in seinem Grußwort auf die 700 Jahre alte Geschichte der Schützengilde, die einst durch Armbrustschützen der Stadt gegründet worden war. „So sind 50 Jahre im Vergleich zur langen Geschichte (...) nur ein Wimpernschlag.“

Rund 100 Helfer beteiligt

Für Kurz und seine rund 100 Helfer, die das Event erst möglich machen, ist aber klar, dass es das Treffen in Hall noch viele Jahre geben wird. Für die Szene habe die Haller Veranstaltung enorme Bedeutung, meint Kurz. Unter den Besuchern sind Teilnehmer aus ganz Deutschland, Frankreich, Holland und sogar aus den USA, die sich extra für ein, zwei Wochen Urlaub nehmen und in Hessental schon vor dem offiziellen Teil Zelte und Tipis aufschlagen.  Sie sitzen auf ihren Fellen zusammen, plaudern über alte Zeiten, tauchen ab in ihre ganz eigene Welt und genießen dabei reichlich Feuerwasser.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel