Schwäbisch Hall Ziselierte Linienzeichnungen faszinieren

Die Tochter von Ernst Zipperer Vera Prior und ihr Neffe Lothar Zipperer neben der Kaltnadelradierung „Bahnhofshalle Berlin“ (zwischen 1920 und 1925 entstanden).
Die Tochter von Ernst Zipperer Vera Prior und ihr Neffe Lothar Zipperer neben der Kaltnadelradierung „Bahnhofshalle Berlin“ (zwischen 1920 und 1925 entstanden). © Foto: Ralf Snurawa
Schwäbisch Hall / Ralf Snurawa 17.07.2018
Das Hällisch-Fränkische Museum in Schwäbisch Hall zeigt in seinem „Wintergarten“ Zeichnungen des Bühlertanner Künstlers Ernst Zipperer.

Gewiss wäre ihm zu viel, was wir heute hier veranstalten“, meint Lothar Zipperer in seiner Einführung zur Ausstellung mit Werken seines Großvaters Ernst Zipperer im Hällisch-Fränkischen Museum. Der Künstler hat die Zurückgezogenheit der Tannenburg bei Bühlertann geliebt. Der Enkel fügt jedoch schmunzelnd hinzu: „Aber eine stille Freude hätte er schon!“ Weit über 150 Besucher hat die vom Kammerchor „Chorum“ aus Stuttgart musikalisch umrahmte Vernissage am Samstagabend. Viele Verwandte und Bekannte sowie weitere Kunstinteressierte sind erschienen. Denn Zipperers Werke faszinieren. Sein Enkel fasst zusammen: „Die Bewegung verläuft bei Ernst Zipperer – entsprechend der kunstgeschichtlichen Entwicklung seiner Zeit – von der realistisch-naturalistischen Darstellung hin zur reduktionistisch-abstrakten Kernaussage der Bilder.“

Fast 1300 Bilder hinterlassen

Wenn man die 30 ausgewählten der insgesamt an die 1300 Bilder im Hällisch-Fränkischen Museum betrachtet, ergibt sich daraus ein interessantes Bild des Künstlers Ernst Zipperer. Allen Werken gemeinsam ist das genaue Arbeiten: ob bei der Kaltnadelradierung, ob beim Zeichnen mit dem Bleistift oder beim Malen mit Ölkreide und Pastellfarben. Als „Rundgang durch Leben und Werk von Ernst Zipperer“ hätten er, so Lothar Zipperer, und seine Tante Vera Prior, Ernst Zipperers Tochter, Museumsleiter Dr. Armin Panter, Zipperer-Urenkelin Sarah Klie und die Kunststudentin Thea Keller diese Ausstellung angelegt. So bildet sie verschiedene Schwerpunkte.

Die Bleistiftzeichnungen zeigen etwa einen weiblichen Akt aus der Studienzeit an der Münchner Akademie (1914) oder Menschen in der Stuttgarter Augenheilanstalt (1916), wo sich Zipperer nach einer Schussverletzung und dem Verlust des linken Auges im Ersten Weltkrieg erholte. Die Kaltnadelradierungen sind größtenteils zwischen 1920 und 1935 entstanden, als Zipperer als Lehrer in Berlin tätig war. Sie reichen von Industrie- und Zweckbauten wie der Berliner Bahnhofshalle oder dem Dortmunder Stahlwerk Hoesch über Stadt- und Schlossansichten aus Kassel, Lugano, Freiburg und Bremen bis zu Landschaftsbildern von Siebengebirge, Schwäbischer Alb und Jagsttal.

Sie zeigen einen sehr ziseliert und feinsinnig gestaltenden Künstler, der mit viel Liebe zum Detail arbeitet und flächige Hell-Dunkel-Kontraste hervorhebt. Auch eine Bleistiftzeichnung der Tannenburg aus den 1930er-Jahren unterstreicht dies.

Nicht minder genau sind die Farbzeichnungen mit Ölkreide und Pastell und pastellartigen Heliogravüren (ein fotografisches Druckverfahren). Die Bilder „Entwicklung“ und „Entfaltung“ zeigen genau geschwungene Linien. Bisweilen reichen sie ins rein Abstrakte, bisweilen sind sie von Kirchen inspiriert. Da verweist der weiche Ton gelegentlich auf impressionistische Malerei.

Vera Prior, die ihren Vater in seinen letzten Lebensjahren gepflegt hat, unterstreicht, dass er „Glauben und Gefühl mit hineingezeichnet“ habe. Und Lothar Zipperer zitiert seinen Großvater aus einem Artikel des „Haller Tagblatts“ von 1966: „Früher malte ich Wege, die ein Ziel hatten. Heute führen sie ins Unendliche, in Sphären, die nicht mehr sichtbar sind.“

Info Die Ausstellung läuft bis 30. September. Lothar Zipperer arbeitet an einer Dokumentation des Werkes seines Großvaters und sucht deswegen weitere Besitzer von Zipperer-Bildern, die sich unter lothar.zipperer@gmx.de an ihn wenden mögen. Zipperer stammte aus Ulm, er war Künstler und Kunstlehrer in Berlin. 1931 kaufte er die Tannenburg in Bühlertann und führte bis 1949 die dortige Landwirtschaft. Er starb 1982 in Flein bei Heilbronn.

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