Rosengarten Explosion gibt bis heute Rätsel auf

 
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SYBILLE MUNZ 09.10.2015
Nahe Uttenhofen wird 1822 in 100 Metern Tiefe ein Salzflöz entdeckt. Zwei Jahre später geht das Bergwerk Wilhelmsglück in Betrieb. 1879 kommen 21 Bergarbeiter bei einem Grubenunglück ums Leben.

Ihre letzte gemeinsame Ruhestätte haben die Opfer des Grubenunglücks auf dem Friedhof von Westheim gefunden. Beim Besuch des Friedhofs fällt der Blick auf ein großes Ehrenmal am Rand der Friedhofsmauer. Eine hohe steinerne Säule in der Mitte der Anlage weist auf jenes verhängnisvolle Unglück hin, das kurz vor Weihnachten 1879 viel Leid in die Gemeinde bringt. Die über Kreuz gelegten bergmännischen Symbole Schlegel und Eisen wachen über einundzwanzig Stelen, auf denen die Namen der Grubenarbeiter aus Hirschfelden, Michelbach, Uttenhofen und Westheim verewigt sind. "Wachet denn ihr wisset nicht welche Stunde euer Herr kommen wird." Die in Stein gemeißelten Worte aus dem Matthäusevangelium erinnern an das Unheil vor über 130 Jahren.

Am Morgen des 15. Dezember sammeln sich etwa 80 Arbeiter in der Schachtstube zum gemeinsamen Gebet. Viele wärmen sich am Ofen auf, der Dezember 1879 ist außergewöhnlich kalt. Kurz nachdem einige Bergarbeiter den Raum verlassen, schlägt eine Stichflamme in die Höhe und setzt die Kammer in Sekundenschnelle in Brand. Der rettende Weg ist für die noch anwesenden Arbeiter verschlossen, die Tür lässt sich nur nach innen öffnen.

Den Helfern bietet sich nach dem Löschen des Brandes ein schauriger Anblick. Zehn Kumpel sind fast vollständig verbrannt, elf Arbeiter sterben später an ihren schweren Verletzungen. Dreizehn Frauen verlieren ihren Ehemann, 48 Kinder ihren Vater. In einer Familie schlägt das Schicksal besonders tragisch zu. Eine Frau muss nicht nur den Tod ihres Gatten betrauen, sondern auch den Verlust ihrer beiden Söhne. Während ihr Ehemann und jüngster Sohn beim Unglück ums Leben kommen, ringt der ältere Sohn noch tagelang mit dem Tod.

Schnell drängt sich die Frage auf, wie es zu diesem verheerenden Unglück kommen konnte. Trotz Verbot wurde in der Schachtstube offensichtlich Sprengstoff gelagert, der bei Berührung mit Feuer in Sekundenschnelle explodiert. Überlebende sprechen später davon, dass einer der Bergarbeiter einem Kameraden beim Öffnen seines Pulverkistchens geleuchtet und damit die Stichflamme hervorgerufen hätte. Eine später widerlegte Aussage benennt ein Sprengstoffsäckchen, welches ein Arbeiter auf dem heißen Ofen abgelegt habe.

Nach dem Unglück erreicht eine Welle der Hilfsbereitschaft die betroffenen Familien. Neben Sachspenden werden über 56000 Mark für die Hinterbliebenen gesammelt.

Die Erfolgsgeschichte des Bergwerkes neigt sich nach dem Unglück seinem Ende zu. Die verunglückten Arbeiter werden nicht ersetzt, 1888 arbeiten nur noch 52 Männer unter Tage. Knapp zehn Jahre später sind noch 18 Leute in Wilhelmsglück beschäftigt, zwölf Jahre nach der Katastrophe wird die Salzgewinnung eingestellt. Die Schließung des Bergwerkes erfolgt am 1. Februar 1900. Die sieben Betriebsgebäude werden größtenteils abgerissen und die Schächte geflutet.

Im Frühjahr 1944 kommt Wilhelmsglück zu zweifelhaften Ehren. Im Auftrag der deutschen Wehrmacht wird mit der Wiederinbetriebnahme begonnen. Russische Zwangsarbeiter werden zur Freilegung herangezogen. Pumpen leiten das Wasser aus dem vollgelaufenen Schacht über eine Wiese in den Kocher. Im Herbst ereignet sich ein weiterer Unglücksfall in Wilhelmsglück: 200 Meter vom Bergwerk entfernt explodiert eine Fliegerbombe. Im Januar 1945 werden die Arbeiten endgültig eingestellt, der Schacht läuft wieder voll und das Gelände verwildert. Vierzig Jahre später wird das Mundloch des Treppenschachtes freigelegt und renoviert. Ein schweres Eisengitter verwehrt seither den Zugang zum Bergwerk.