Schwäbisch Hall Erzieherinnen: Stadt Hall und Fachschule setzen auf neue Praxis-Ausbildung

Schwäbisch Hall / TOBIAS WÜRTH 22.11.2013
2000 Erzieherinnen fehlen derzeit in Baden-Württemberg, sagt die Landesregierung. In Hall sind alle Stellen besetzt. Die Verwaltung sorgt seit einem Jahr mit der neuen praxisintegrierten Ausbildung vor.

Er ist 24 Jahre alt, hat sein Grundschullehramtsstudium nach vier Semestern abgebrochen. Was nun? "Man ist eben auf Geld angewiesen", sagt Jonas Schweizerhof. Bisher verdienen angehende Erzieher aber während ihrer zweijährigen Schulzeit kein Geld. Daher kam für Jonas Schweizerhof die neue Praxisintegrierte Ausbildung (Pia) gerade recht. Pia-Schüler erhalten im ersten Jahr 793 Euro, im zweiten 843 Euro und im dritten 889 Euro brutto pro Monat. Es ist nicht viel Geld. "Aber es reicht", sagt Schweizerhof, der nun im Kinderhaus Tüngental arbeitet.

Warum wirbt die Stadt Hall nun für das neue Ausbildungsmodell? Denkt man an die Stadtverwaltung, fallen einem Beamte, Knöllchenverteiler und Gärtner am Bauhof ein. Doch die Verwaltung ist mittlerweile vor allem ein sozialer Dienstleister: 45 Prozent des städtischen Personals ist im Bereich der Kindergärten und Schulen beschäftigt. Rund 120 Frauen und vier Männer arbeiteten in den Tagesstätten, sagt Maria Bub, die diesen Bereich leitet.

"Wir können unsere ausgeschriebenen Stellen gerade noch füllen", sagt Bettina Wilhelm. Die Erste Bürgermeisterin war einst selbst Erzieherin. Der Fachkräftemangel sei aber andernorts eklatant.

Laut den jüngsten Zahlen aus dem Kultusministerium fehlen landesweit 2000 Erzieherinnen. Das ist vor allem auf den Ausbau der Betreuung der unter Dreijährigen zurückzuführen. Der Mangel zeigt sich in Großstädten wie Stuttgart, im Kreis Hall sei er noch nicht angekommen.

Mit der Praxisintegrierten Ausbildung sei ein Weg gefunden worden, neue Zielgruppen anzusprechen und gegen den Mangel anzukämpfen. "Wir haben Abiturienten dabei, Hochschulabbrecher und Schüler mit einer abgeschlossenen Ausbildung", erläutert Ansgar Hagnauer von der Fachschule in Öhringen. Dort sind in einem Jahrgang 18 Schüler, die nach dem neuen Pia-Modell ihre Ausbildung absolvieren und rund 50, die dem alten Weg folgen. Er lobt den neuen Weg: Theorie und Praxis wechseln sich besser ab. Schüler können Ideen aus dem Unterricht ausprobieren. Zudem lockt das neue Modell mehr Männer an, mehr Menschen mit vorherigen Berufserfahrungen und das System werde in Richtung duale Ausbildung gerückt, so wie man sie aus Industrie und Handwerk kennt.

Die derzeitigen Pia-Auszubildenden in Hall bestätigen die Vorteile. "Ich bin Kauffrau für Bürokommunikation. Ich wollte Geld verdienen", meint Melanie Schierle (21). Mit der neuen Ausbildung kann sie seit einem Jahr ihren Wunsch erfüllen, mit Kindern zu arbeiten - im Kinderhaus Badtorweg. Auch Jana Germann (22) ergriff die Chance. Sie hat die Schule kurz vor dem Abitur abgebrochen. "Ich wohne mit meinem Freund zusammen. Für mich ist Pia perfekt. Die Bezahlung macht es attraktiv." Jetzt arbeitet sie im Kinderhaus im Hagenbach.

Aber es gibt auch Probleme: Die Ausbildung erfordert ein Umdenken bei den Einrichtungen. Die Zeiten, an denen die Auszubildende mitarbeiten, sind nun - mit Unterbrechung - auf drei Jahre verteilt.

Martin Berger, Direktor der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik in Hall, wollte zusammen mit der Schule in Crailsheim schon im vergangenen Jahr einen Pia-Ausbildungsgang auf die Beine stellen. Doch das scheiterte an der geringen Zahl der bereitgestellten Plätze der Tageseinrichtungen. Nun startet er einen neuen Versuch für den Herbst 2014 und wirbt bei allen Bürgermeistern im Kreis für Pia.

Pia: Ein neuer Weg in den Job des Erziehers
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