Baby Ernüchterung in der WM-Sex-Debatte: Kein Zeichen für Baby-Boom

Nach dem Tor: Schnuller rein. Spieler Michel Bastos feiert seinen Erfolg, allerdings nicht bei der WM, sondern bei einem Spiel in der Französischen Liga. Symbolfoto.
Nach dem Tor: Schnuller rein. Spieler Michel Bastos feiert seinen Erfolg, allerdings nicht bei der WM, sondern bei einem Spiel in der Französischen Liga. Symbolfoto. © Foto: dpa
TOBIAS WÜRTH 17.04.2015
"Wenn wir Weltmeister werden, mach' ich Dir ein Kind." Dieser Satz - zugegeben leicht machohaft - war vor einem Jahr tatsächlich zu hören. Wir sind Weltmeister. Doch der Baby-Boom bleibt in Hall aus.

30 Millionen Menschen sind am 9. November 1965 ab 17.16 Uhr rund um New York ohne Strom. Die "New York Times" findet neun Monate später heraus: Es kommen mehr Babys auf die Welt.

Wenn die deutsche Nationalelf nach vorn stürmt, regt das vielleicht nicht nur die sportlichen Phantasien an. So manche Klatsch-Zeitung stellt Hitlisten der attraktivsten Spieler zusammen. So mancher Fan blickt beim Public-Viewing mehr ins Dekolleté der Dame im Trikot neben sich als auf die Leinwand. Der sächsische Politiker Alexander Krauß (CDU) hatte im vergangenen Jahr in der Bild-Zeitung einen Babyboom prognostiziert: "Rollt der Ball, herrscht nicht nur vor dem Fernseher Hochstimmung, sondern auch im Bett. Tore für Deutschland heißt Kinder für Sachsen!"

Ernüchterung in der WM-Sex-Debatte

Auf Schwäbisch Hall scheint das nicht zuzutreffen. Zwar verzeichnet das Diak in der angeblich so fruchtbaren Nachspielzeit - vom 23. März bis 8. April dieses Jahres - 56 Kinder und damit fast doppelt so viele Geburten wie im Vergleichszeitraum der Jahre 2012 und 2013. Allerdings kamen vor einem Jahr in dieser Zeitspanne sogar 60 Kinder auf die Welt. Auch für 2007 - ein Jahr nach dem Sommermärchen - zeigen sich keinerlei Abweichungen. Betrachtet man die Statistik der beim Standesamt angemeldeten Kinder in Hall, so zeigt sich: Das Sommermärchen mit der WM in Deutschland hatte einen hemmenden Effekt auf das Sexualverhalten. Weniger Kinder als sonst kamen zur Welt.

Doch sind solche Schlussfolgerungen in die eine oder andere Richtung überhaupt möglich? Zahlenverliebte Statistiker bringen Ernüchterung in die WM-Sex-Debatte. Tauchen zwei Ereignisse zur gleichen Zeit auf (WM und hohe Geburtenzahlen) - nennt man das Koinzidenz. Daraus automatisch abzuleiten, dass das eine die Ursache für das andere ist, wird als Fehlschluss bezeichnet. Es kann sich um eine so genannte "Scheinkorrelation" handeln. So sank in Niedersachsen in den 1980er-Jahren sowohl die Anzahl der Störche als auch die der Neugeborenen. So löst sich der Baby-Boom in New York im Jahr 1965 in Luft auf. Die Zeitung hatte nur zwei Geburtskliniken befragt. Im Durchschnitt aller Geburten ergab sich keine Abweichung.

Vielleicht bringt eine plötzliche WM-Schwangerschaft so manches Paar - hoffen wir, dass sich beide Partner verantwortlich fühlen - in Schwierigkeiten. Gibt es mehr Schwangerschaftsabbrüche? "Wir können keine Erhöhung der Fallzahlen in der Schwangerenberatung feststellen", teilt Pro Familia aus Hall mit. "Bisher hat noch keine schwangere Frau oder ihr Partner in einem Gespräch von einem WM-Baby gesprochen."

Stärker als Partnerschaft ist der Alkohol

Schade eigentlich. Es wäre so schön gewesen: Der Ball knallt in den Kasten, es raschelt in der Kiste und Deutschland hätte sein Demographieproblem los. Warum feuert denn sonst die Kanzlerin die Spieler sogar beim Kabinenbesuch an?

WM und Sex. Es gibt noch eine stärkere Partnerschaft: WM und Alkohol. Und hier sind die Zahlen eindeutig - das bestätigen alle Gastronomen. Rollt der Ball, fließt das Bier. Mut zu sammeln und den Partner schön trinken, fördert vielleicht das Kuschelverhalten. Das Maß wurde offensichtlich überschritten. William Shakespeare schreibt über den Trunk: "Buhlerei befördert und dämpft er zugleich: Er fördert das Verlangen und schwächt das Tun."