Promi-Stadtführung durch Hall Ex-Minister erinnert sich an nackten Auftritt auf der Treppe

Aufmerksam lauschen die Besucher, wenn Walter Döring auf dem Haller Marktplatz von seinen Jugendsünden erzählt. 
Aufmerksam lauschen die Besucher, wenn Walter Döring auf dem Haller Marktplatz von seinen Jugendsünden erzählt.  © Foto: Guido Seyerle
Schwäbisch Hall / Guido Seyerle 05.11.2018
Walter Döring plaudert beim Stadtrundgang auf dem Marktplatz und am Kocherquartier munter aus seinem Leben.

Stadtrundgänge mit lokalen Promis locken selbst bei kaltem Herbstwetter regelmäßig 20 bis 25 Besucher an. Wenn dann der Stadtführer über Spannendes aus seinem Leben wie etwa eine Woche im Haller Knast oder einen splitternackten Auftritt auf der Großen Treppe berichtet, erlebt man kurzweilige 90 Minuten. „Das war spannend, lehrreich und unterhaltsam“, sagte Volkshochschule-Geschäftsführer Marcel Miara nach der Tour mit dem früheren Wirtschaftsminister.

Los ging es auf dem Marktplatz, für den sich Walter Döring viel Zeit nahm. 1954 in Stuttgart geboren, kam der Zehnjährige nach Hall. „Ich bin ganz schön aufgeregt“, meinte der 64-Jährige bei seiner Stadtführer-Premiere. „Der kleine Marktplatz ist eng bebaut und bietet unheimlich viel. Göttliches, also St. Michael, liegt gleich gegenüber dem Weltlichen, dem Rathaus“, erklärte der studierte Historiker. Auch das Haus der Bauern passe zum Ensemble: „Die Landwirtschaft gehört genauso dazu wie die Häuser der damals vermögenden Stadtbürger.“ Noch heute bedauert Döring, dass seine Idee, Hall solle sich für als Kulturhauptstadt Europas bewerben, nicht weiterverfolgt wurde. „Wir könnten mit vielen der ausgewählten Städten locker mithalten.“

Wette mit der OB-Tochter

In seiner Jugend verdiente sich Döring als Freilichtspiele-Statist auf der Treppe ein zusätzliches Taschengeld. „Für den Abend gab es 4,50 Mark.“ So auch für seinen Auftritt als Adam bei Dr. Faustus. Der Stadtführer grinste: „Dann kam es zu einer Wette zwischen mir und der Tochter des damaligen Oberbürgermeisters. Lucrezia Hartmann meinte, ich würde es nicht wagen, nackt aufzutreten.“ Döring ließ sich nicht lumpen, Hartmann zog mit. So standen beide splitternackt auf der Treppe – und entdeckten im Publikum ihren Deutschlehrer. „Walter Hampele war sehr konservativ und überaus streng“, erinnerte sich Döring. Das alte Gymnasium bei St. Michael – „dort habe ich mindestens drei Glasscheiben kaputt gemacht“ – war damals gleich nebenan. Der 17-jährige Schüler ging mit ordentlich Respekt in die nächste Deutschstunde. „Doch Herr Hampele sagte: ,Ich weiß gar nicht, warum sich die Leute so aufregen, Adam und Eva waren so.’“

Auf dem Marktplatz wurde in den 1970er-Jahren eine Sendung für das „Spiel ohne Grenzen“ aufgezeichnet. Döring war als Kabelzieher hinter der Kamera dabei. „Das war eine schwere Arbeit, aber sie war sehr gut bezahlt.“ Auch beruflich bedeutet der Marktplatz dem 64-Jährigen viel. „In der Stadtbibliothek habe ich den Großteil für meine Doktorarbeit recherchiert.“ Ein letzter Blick auf die Nordseite: „Und 2001 habe ich im Büschlerkeller meine Frau kennengelernt.“

Ringen um Erhalt der JVA-Mauer

An der Hospitalkirche vorbei ging es zum Kocherquartier. „Als Minister war ich auch für den Denkmalschutz zuständig.“ Es berichtet vom heftigen Ringen um die drei Meter hohe denkmalgeschützte Mauer rund um die ehemalige JVA. Während einer langen Sitzung sei ihm eine Idee gekommen: „Wir lassen das Torwärterhäuschen stehen, die Mauer wird abgebrochen.“ Die Teilnehmer der Runde hätten gestaunt, und einer sagte: „Herr Minischder, des isch’s.“

Döring kannte das Gefängnis auch von innen: Einst wirkte er als Statist für einen ZDF-Film mit. „Wir waren acht Tage drin – eine besondere Erfahrung.“ Später saß er als FDP-Politiker im JVA-Beirat und vermittelte zwischen Anstaltsleitung und Insassen.

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