Betriebsnachfolge Entscheidung auf der langen Bank

Siegfried Bullinger (rechts, daneben Ministerpräsident Winfried Kretschmann) hat losgelassen. Er fand den Nachfolger als Geschäftsführer von Bausch+Ströbel innerhalb der Familie. Sein Sohn Thorsten Bullinger rückte nach.
Siegfried Bullinger (rechts, daneben Ministerpräsident Winfried Kretschmann) hat losgelassen. Er fand den Nachfolger als Geschäftsführer von Bausch+Ströbel innerhalb der Familie. Sein Sohn Thorsten Bullinger rückte nach. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Jürgen Stegmaier 18.01.2018

Es gibt wesentlich mehr Betriebe, die in den kommenden Jahren übergeben werden sollen als Interessenten, die sich eine Nachfolge vorstellen können. Bundesweit fanden im zurückliegenden Jahr 44 Prozent der übergabewilligen Unternehmen keinen Nachfolger, macht Eric Schweitzer deutlich. Er ist Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags.

Bei genauer Betrachtung verwundert es nicht, dass es schwierig ist, Nachfolger zu finden. Oft erleben Unternehmerkinder, wie hart und wie lange der Vater, die Mutter oder beide Eltern arbeiten, um den Betrieb am Laufen zu halten. Diese Belastung und die hohe Verantwortung will der Nachwuchs oft nicht schultern. Bei der IHK Heilbronn-Franken geht man davon aus, dass nur etwa 40 Prozent der Betriebe von Familienmitgliedern übernommen werden. Und viele Unternehmer würden schlicht und einfach nicht daran denken, dass auch die Tochter nachfolgen könnte. Die meisten würden ausschließlich an die Söhne denken.

Harte Arbeit

Auch die gute Konjunktur lasse es für junge, engagierte und gut ausgebildete Menschen wenig attraktiv erscheinen, ein Unternehmen zu gründen oder zu übernehmen. Als Unternehmer müsse man oftmals hart arbeiten, um gutes Geld zu verdienen. Wer dagegen als Meister bei einem großen Betrieb angestellt ist, verdiene gut, habe eine geregelte Arbeitszeit und müsse keine unternehmerische Verantwortung tragen. Und in einer Zeit, in der nahezu Vollbeschäftigung herrscht und Fachkräfte händeringend gesucht werden, verbessern sich Einkommensperspektiven und Arbeitsbedingungen.

Viele gehen, wenige kommen

Helmut Kessler ist promovierter Volkswirt. Vor 17 Jahren hat er sich die Altersstruktur der Unternehmer angeschaut. Dabei wurde dem stellvertretenden IHK-Hauptgeschäftsführer klar, dass sich ein Problem auftut. Zahlreiche Inhaber gehören den geburtenstarken Jahrgängen an. Das heißt: Viele gehen, wenige rücken nach. „Der Inhaber weiß nichts von seinem Problem“, sagt Kessler. Die Entscheidung werde auf die lange Bank geschoben.

Die IHK geht davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren im Landkreis Schwäbisch Hall 1800 Betriebe aus Altersgründen zu übergeben sind. Ermittelt wurde diese Zahl aus der Erhebung der Altersangaben. 2013 waren im Raum Crailsheim-Gaildorf-Hall 1812 Inhaber 60 Jahre und älter.

Dass Unternehmer keine Nachfolger finden, ist ein Teil des Problems. Der andere: Manche Inhaber suchen erst gar nicht. Oder sie suchen zu spät. Um auf dieses Problem aufmerksam zu machen, hat Helmut Kessler schon 2001 die Initiative ergriffen. Es ist seine Idee, dass die IHK aktiv auf ältere Unternehmer zugeht, um sie für das Thema Nachfolge zu sensibilisieren. Seit 2003 ist Jürgen Becker bei der IHK mit an Bord. Der Bankfachmann spricht Unternehmer gezielt an.

Unternehmer finden keinen Nachfolger, Unternehmer suchen keinen Nachfolger – manche Inhaber wollen keinen Nachfolger. Sie können einfach nicht loslassen.  Helmut Kessler und Jürgen Becker ist ein Inhaber bekannt, der sich im Alter von 79 Jahren erstmals nach einem Nachfolger umsah. Das war vor zehn Jahren. Eine Lösung ist noch immer nicht in Sicht. „Ich habe vor jedem Unternehmer höchsten Respekt. Für die Inhaber ist das Unternehmen der wichtigste Teil ihres Lebens“, zeigt Jürgen Becker Verständnis. Er hat als Nachfolgemoderator in den zurückliegenden 14 Jahren 1150 Fälle betreut. Diese Zahl an Unternehmen ist verbunden mit 18 000 Arbeitsplätzen und einem Gesamtjahresumsatz von 2,5 Milliarden Euro.

Was sind die größten Fehler, die Unternehmer bei einer Nachfolgeregelung machen können? „Die größten Fehler sind, dass die Inhaber zu spät dran sind, dass sie eine falsche Preisvorstellung haben und dass sie ihre Altersvorsorge nicht geregelt haben“, macht Helmut Kessler deutlich. Eine unzureichende Altersvorsorge erkläre sich ganz einfach: Das Unternehmen ist oft die einzige Einnahmequelle. Um es in Krisenzeiten fortführen zu können, werden nicht selten die gesamten Reserven aufgelöst – inklusive der Rücklagen fürs Alter.

Die Kammer kommt auf die älteren Unternehmer zu

Das Moderatorenkonzept der IHK Heilbronn-Franken sieht vor, potenziellen Betriebsübergebern früh qualifizierte Unterstützung anzubieten. Kern der Idee ist, dass nicht die Inhaber auf die IHK zukommen müssen – die Kammer kommt auf die Inhaber zu. Die IHK versteht sich als neutraler Ansprechpartner. Sie verweist auf kompetente Berater am Markt: Steuerfachleute, Juristen, Banker und Unternehmensberater. Betont werden Diskretion und Vertraulichkeit. just