Schwäbisch Hall Andreas Maisch: Stadtarchivar seit 25 Jahren

Umgeben von dicken Bänden voller Geschichte: der Haller Stadtarchivleiter Andreas Maisch im Magazin.
Umgeben von dicken Bänden voller Geschichte: der Haller Stadtarchivleiter Andreas Maisch im Magazin. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Bettina Lober 06.09.2018
Seit einem Vierteljahrhundert leitet Dr. Andreas Maisch das Schwäbisch Haller Stadtarchiv.

Eine eindrucksvolle Bücherwand hat Andreas Maisch im Rücken, wenn er an seinem Schreibtisch im Widmannhaus am Marktplatz sitzt. Zahlreiche Bände sind mit Papierstreifen als Lesezeichen versehen. „Das ist nur meine Handbibliothek“, erklärt der Chef des Stadtarchivs. Wenn ihn jemand beispielsweise aus der Zeitungsredaktion mit einer speziellen Frage anruft, könne er hinter sich ins Regal greifen und oftmals schon weiterhelfen, erklärt er augenzwinkernd.

Seit 25 Jahren leitet Maisch das Haller Stadtarchiv. Er kam frisch von der Archivschule in Marburg, hat sich damals gegen 36 Bewerber durchgesetzt – und am 1. August 1993 in der Siederstadt angefangen. Warum das Stadtarchiv in Hall? Man genieße im Gegensatz zu großen Archiv-Einrichtungen doch eine gewisse Freiheit, sei sein eigener Herr.

Ein Kilometer Akten

Natürlich sind auch in Hall die Aufgaben eines Stadtarchivs klar geregelt: als Zentralstelle für die Stadtgeschichtsforschung, als „Gedächtnis der Verwaltung“ und Dokumentationszentrum. Also: sichten, bewerten, aussortieren, bewahren. Daran habe sich nichts geändert. „Nach außen werden wir oft als historisches Archiv wahrgenommen“, räumt Maisch ein. Aber das Archiv verwahrt auch amtliche Unterlagen, Akten und den Schriftverkehr der heutigen Stadtverwaltung, Plakate, Grafiken, Karten, Pläne und vieles mehr. „Allein in unserer Außenstelle in der Crailsheimer Straße gibt es einen Kilometer Akten“, sagt Andreas Maisch. Ein Teil wird bald ins Karl-Kurz-Areal nach Hessental umziehen, „Archive werden immer größer“, sagt Maisch. Das liegt nun einmal in der Natur der Sache.

Als der 58-Jährige in Hall anfing, hat die Digitalisierung gerade Einzug gehalten. Mittlerweile umfasst die Archivdatenbank fast 175.000 Titel. Dazu kommen Fotosammlungen, Grafiken, die Zeitung und einiges mehr, „sodass man auf rund eine halbe Million Titel kommt“, rechnet der Historiker vor. Dank der stetig wachsenden Datenbank seien auch die Recherche-Ergebnisse seit rund zehn Jahren „sehr gut“.

Akten werden lebendig

Für Maisch sind all die Blätter, Bände und Akten in den schier endlos erscheinenden Regalen der Magazine keine tote Materie. Im Gegenteil. Wenn er bei der Recherche für die Ortschronik Steinbachs Dokumente darüber findet, wie der Ort wieder katholisch wurde, „ist das manchmal unheimlich anrührend“, sagt er. Aus ihnen kann er zum Beispiel Alltagskonflikte herauslesen: „Die Konfessionsgrenzen gingen oft quer durch die Familie.“ Dann wird Geschichte lebendig und richtig spannend. Das war bei ­Maisch wohl schon immer so. Jedenfalls habe er sich gar nichts anderes vorstellen wollen, als Historiker zu werden.

Im Archiv zu schürfen, sich neue Blickwinkel erschließen, das macht dem 58-Jährigen Spaß – „das ist Entdeckerfreude“. Und Maisch hat in Hall schnell gemerkt, dass die Haller sich für ihre Geschichte interessieren. Die immer wieder angebotenen Kellerführungen sind der Renner – „eigentlich müssten jetzt alle Haller in den Kellern gewesen sein“, scherzt Maisch. Oder seine Führung zum Thema Dreißigjähriger Krieg neulich: „Proppenvoll.“

Das Stadtarchiv wird immer wieder von Heimat- und Familienforschern, Wissenschaftlern und Schulklassen konsultiert. „Wir haben rund 2000 bis 2500 Nutzer im Jahr.“ In den vergangenen Jahren sind auch zahlreiche Publikationen entstanden – vom Band über die Haller Stadtgeschichte, der zum 850-Jahr-Jubiläum 2006 erschien, bis zu „Migrationen. Zuwanderung nach und Auswanderung aus Schwäbisch Hall 1600–1914“. Maischs Steckenpferd ist die frühe Neuzeit samt der Reformation – „da ist die Quellenlage einfach sehr gut“. Derzeit stapeln sich auf seinem Arbeitstisch Materialien zum Dreißigjährigen Krieg. „Es erfordert halt alles Zeit“, sagt der Stadtarchiv-Leiter lächelnd. Er weiß das nur zu gut.

Leidenschaflicher Historiker und passionierter Reisender

Dr. Andreas Maisch wurde am 23. August 1960 in Bad Cannstatt geboren. Aufgewachsen ist er in Kornwestheim, wo er das Abitur am Ernst-Sigle-Gymnasium machte. Er studierte Deutsch und Geschichte in Tübingen, Bordeaux, Bielefeld und Paris. 1990 promovierte Maisch über „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte württembergischer Dörfer von 1550 bis 1830“. Bereits zuvor, gleich nach dem Staatsexamen, ging er ins Haupt- und Staatsarchiv nach Stuttgart und zur Landesarchivdirektion Baden-Württemberg. Ende April 1993 beendete der Historiker sein Referendariat an der Archivschule Marburg. In Hall trat er 1993 die Nachfolge von Manfred Akermann als Leiter des Stadtarchivs an. 37 Archivare hatten sich beworben. Maisch ist unverheiratet. In seiner Freizeit geht er weltweit gerne auf Reisen – von Asien bis Amerika.

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