Schwäbisch Hall Kunst: Endlich Äpfel mit Birnen vergleichen

„Äpfel und Birnen und anderes Gemüse“ heißt die neue Ausstellung im Gaisbacher Museum Würth. Kunsthistorikerin Kirsten Fiege (rechts) führt durch die Schau.
„Äpfel und Birnen und anderes Gemüse“ heißt die neue Ausstellung im Gaisbacher Museum Würth. Kunsthistorikerin Kirsten Fiege (rechts) führt durch die Schau. © Foto: Maya Peters
Gaisbach / Maya Peters 19.06.2018
Das Museum Würth in Gaisbach zeigt „Äpfel und Birnen und anderes Gemüse“. Dabei treten die Aquarelle von Korbinian Aigner in einen Dialog mit ähnlichen Werken der Sammlung Würth.

Der Apfel ist ein ambivalentes Symbol in Mythologie, Religion oder Märchen. Er steht unter anderem für Liebe, Macht, Unsterblichkeit und Fruchtbarkeit. Und man kann ihn einfach essen. Im Museum Würth in Gaisbach werden mit der Ausstellung „Äpfel und Birnen und anderes Gemüse“ inspirierende Assoziationsketten rund um die schmackhaften Früchte gezeigt. Neben den naturalistischen Apfel- und Birnenaquarellen von Korbinian Aigner hängen rund 100 Werke der Sammlung Würth von A – wie Klaus Arnold – bis Z – wie Terezka Zimmer. Ins „Epizentrum der Streuobstwiesen Hohenlohes“ passe die Ausstellung hervorragend, freut sich Museumsleiterin Silvia Weber über die Kooperation mit der Technischen Universität München.

„Das ist wohl die an Exponaten bisher reichste Ausstellung“, vermutet Weber. Denn auf farbigem Untergrund in Grün, Gelb oder Orange prangen in dichter Hängung hunderte von akkurat wiedergegebenen Apfel- und Birnensorten in handlicher Postkartengröße. Den Blick auf einzelne gewandt, merkt man erst die Unterschiede in Stiel, Fruchtansatz oder Farbe. Die Vielfalt der Natur hat der bayerische Pfarrer und Obstkundler Aigner jahrzehntelang akribisch dokumentiert und in Aquarell gemalt.

Aquarelle als Lehrmaterial

In den Namen der Sorten klingen längst vergangene Zeiten wieder: „Weißer Astrachan“, „Sommerparmäne“, „Generalgeschenk“ oder „Schönster vom Neckartal“ heißen sie beispielsweise. Nur noch rund 30 marktgängige Apfelsorten seien im Handel, unterstreicht Kunsthistorikerin Kirsten Fiege beim Rundgang durch die Ausstellung die heutige Sortenarmut. Die Aquarelle dienten Aigner ursprünglich als Lehrmaterial. 2012 erregten sie posthum auf der documenta 13 in Kassel weltweite Aufmerksamkeit, so Fiege. Weitere Werke aus dem Grenzbereich zwischen Kunst und Wissenschaft ermöglichen einen Vergleich zu den auch kulturhistorisch bedeutenden Arbeiten Aigners. „Obst ist das Thema seiner Zeit“, betont Beate Elsen-Schwedler, die stellvertretende Museumsleiterin. Rund 600 der etwa 900 Werke Aigners werden in Kabinetten ausgestellt.

Fast magnetisch zieht am Saal­ende das großformatige Motiv „Adam und Eva“ in der unverwechselbaren Bildsprache von Fernando Botero die Blicke auf sich. Faszinierend ist die fotorea­listische Malerei von Äpfeln in einem Karton von Anne Hausner. Einige Stillleben zeigen, dass das Genre bis in die Gegenwart noch von Bedeutung ist. Denn auch Alberto Corazón, Pablo Picasso oder Max Beckmann haben sich damit auseinandergesetzt. Auch werden wieder Mythen, wie die von den Hesperiden bewachten goldenen Äpfel, die ewiges Leben versprechen, dem Ausstellungsbesucher in Erinnerung gebracht. Passend steht die Skulptur eines goldenen Apfels von Heinrich Brummack (1936 bis 2018) im Raum.

Das Sammeln und Dokumentieren ist bei den Arbeiten von Herman de Vries im Mittelpunkt. Dessen Fundgegenstände aus der Lagune bei Venedig (2014) seien ein Neuzugang in der Sammlung Würth, erläutert Fiege und zeigt auf die 123 Bilderrahmen. Dieses Werk ermöglicht durch die gereihte Hängung und den zugleich wissenschaftlichen Ansatz einen direkten Vergleich mit Aigner. Doch auch die gegenüber hängenden „365 Seerosen“, von Salomé in serieller Kunsttradition angefertigt, passen dazu.

Es sind klingende Namen, neben denen sich der „Apfelpfarrer“ bei Würth ausgestellt findet. Er selbst hätte sich eher als Obstkundler, denn als Künstler gesehen, obwohl er augenscheinlich Kleinode gemalt hat. Es ist eine gelungene Ausstellung: Die Kontraste und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Künstler faszinieren und inspirieren zu weiteren Gedankenketten rund ums Thema.

Konzentrationslager überlebt

Korbinian Aigner (1885 bis 1966) war katholischer Pfarrer und ein herausragender Pomologe (Apfelkundler). Er fertigte rund 900 Aquarelle von Äpfeln und Birnen an und gelangte erst nach seinem Tod zu spätem Ruhm. Die Bilder sind auch ein Symbol für seine Lebensgeschichte zwischen Kirche, Garten und Konzentrationslager. Denn wegen seiner Kritik am Nationalsozialismus war er von 1939 bis 1945 in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau inhaftiert. Im KZ gelang es dem leidenschaftlichen Pomologen, entgegen aller Umstände, vier Apfelsorten zu züchten. Die zu seinem 100. Geburtstag zum „Korbiniansapfel“ umbenannte Sorte KZ-3 gilt unter Kennern als Geheimtipp. Sie trägt die Nummer 600 und ist auch Teil der Ausstellung.

„Äpfel und Birnen“ kann bis zum 6. Januar im Museum Würth in Gaisbach täglich von 11 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt besichtigt werden.

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