Orchester Emotional intensives Musizieren

Das rund 80-köpfige Orchester der Musikwoche Geislingen musiziert unter der Leitung des 29-jährigen Olivier Pols in der Arche im Haller Sonnenhof. Für ihre Darbietung ernten die Musiker vom Publikum kräftigen Applaus.
Das rund 80-köpfige Orchester der Musikwoche Geislingen musiziert unter der Leitung des 29-jährigen Olivier Pols in der Arche im Haller Sonnenhof. Für ihre Darbietung ernten die Musiker vom Publikum kräftigen Applaus. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Rainer Ellinger 12.09.2018
Das diesjährige Abschlusskonzert der Musikwoche Geislingen steht ganz unter dem Eindruck spätromantischer Sinfonik. Die Arche im Haller Sonnenhof ist voll besetzt.

Im 33. Jahr des Bestehens der Orchesterfreizeit in Braunsbach-Geislingen fanden sich etwa 80 Laienmusiker, Profis und semiprofessionelle Instrumentalisten am Zusammenfluss von Bühler und Kocher ein, um in der letzten Woche der Sommerferien ein Konzertprogramm zu erarbeiten, das sie dann in der Arche des Sonnenhofes öffentlich zu Gehör bringen. Nicht nur die Akteure waren diesmal besonders zahlreich, sondern auch das Auditorium füllte die Arche total. Es sind viele Altersstufen im Orchester vertreten; Musiker, die schon etliche Jahre dabei sind, aber auch viele fähige, noch sehr junge Leute.

Als Vollprofi muss man natürlich den Violinsolisten Friedemann Breuninger nennen oder den zum zweiten Mal den Dirigentenstab führenden 29-jährigen Olivier Pols. Auch der junge Mann am Konzertmeisterpult, der Geiger Julian Wüster, verdient es, namentlich genannt zu werden, hat er doch bei Nikolai Rimski-Korsakoffs „Scheherazade“ eine tragende Rolle, der er bravourös gerecht wird.

Freilich, bei dieser klangfarbenprächtigen Orchesterballade gäbe es eigentlich viele kurze solistische Meisterleistungen zu würdigen, aber sie können hier nur summarisch genannt werden.

Die Tondichtung „Scheherazade“ setzt Motive aus „1001 Nacht“ programmmusikalisch um. Es geht um die Erzählerin Scheherazade, der es tausendundeinmal gelingt, den grausamen Herrscher bei Laune zu halten. In einer an die Grieg’sche „Peer-­Gynt-Suite“ oder die Mussorgski’schen „Bilder einer Ausstellung“ erinnernden Weise wird hier sehr dramatisch musikalisch gemalt. Man hört tiefe, dräuende, oft tritonale Orchesterklänge, die den bösen Sultan charakterisieren, und eine Vielzahl heller, oft virtuoser melismatischer Soli, die orientalisches Flair entstehen lassen.

Das häufige Ineinandergreifen enggeführter melodischer Solomotive und des klangsensibel antwortenden großen Klangkörpers ist hervorragend gestaltet. Sowohl von den Orchesterspielern als auch in besonderer Weise vom Dirigenten. Finstere Klangwucht der Unisoni oder gegensätzliche pastoral-sanfte „Hinterglasmalerei“ der Holzbläser; alles ist sehr emotional dosiert und präzise gestaltet.

Deutlich orientalisch

Das eingangs gespielte „Bacchanale aus Samson und Dalila“ von Camille Saint-Saëns ist noch deutlicher orientalisch. Zumindest das von der Oboe über einen stehenden Klang des Orchesters vorgetragene Thema lässt da keinen Zweifel aufkommen. Die folgenden Szenerien sind oft von motorischer Unruhe und tänzerischem Flair erfüllt. Das Geigenthema des zweiten Teils hat ein romantisches Antlitz – fast ist es als „schmalzig“ zu bezeichnen –  und wird von den Orchesterviolinisten einfühlsam „gesungen“.

Gefühlvolle Expressivität ist auch eine Seite des Violinspiels von Friedemann Breuninger bei Peter Tschaikowskis Violinkonzert D-Dur op. 35. Schon bei der ausgeterzten Repetition des Themas wird der Solopart technisch sehr anspruchsvoll. Die präzise Mitarbeit des Orchesters ist einerseits klanglicher Hintergrund, nimmt aber immer wieder an Intensität zu und steigt emotional in den Solopart voll ein.

Der Dirigent führt präzise

Dieses Ineinandergreifen von Solopart und Orchester stellt große Anforderungen an den präzise führenden Dirigenten und auch an das Klanggespür und die Präsenz der Orchestermusiker, die die Impulse des Solisten immer wieder kongenial aufgreifen.

Im rein solistischen Vortrag ist bei Friedemann Breuninger ein enorm impulsives Temperament zu beobachten, das auch vor herber, ja derber Tongebung nicht zurückschreckt und jäh in sanfte, feine Intensität umschlägt. Ein pastellig klangfeiner Abschluss des ersten Satzes von der Hörnergruppe sei extra erwähnt.

Als Zugabe des Solisten hörten die Besucher ein Klavierstück von Chopin, ein Nocturne aus op. 27, das etwas abgespeckt und für die Geige bearbeitet erscheint. Aber als Festival der feinen hohen Töne ist es famos gespielt. Diesem emotional sehr intensiven Abend ist großer Applaus beschieden.

Zahl

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