Rosengarten Eine Position mit Verantwortung

So fühlt sie sich am wohlsten: Für’s Foto nehmen die Mitglieder der „Dienstagskegelgesellschaft“ aus Schwäbisch Hall die Westheimer Kegelbahn-Wirtin Ilse Ury in die Mitte.
So fühlt sie sich am wohlsten: Für’s Foto nehmen die Mitglieder der „Dienstagskegelgesellschaft“ aus Schwäbisch Hall die Westheimer Kegelbahn-Wirtin Ilse Ury in die Mitte. © Foto: Beatrice Schnelle
Rosengarten / Beatrice Schnelle 06.12.2018
Seit einem halben Jahrhundert umsorgt Ilse Ury die Gäste der Kegelbahn in der Rosengartenhalle. Westheim ist für gebürtige Breslauerin längst zur zweiten Heimat geworden.

Jede Kneipe lebt von der Persönlichkeit, die hinter dem Tresen steht. Kühle Getränke gibt es schließlich überall. Ilse Ury macht die Kegelbahn in Rosengarten-Westheim schon seit einem halben Jahrhundert zu einem herzerwärmenden Ort der Geselligkeit. Ein Dutzend Kegelclubs aus der Haller Region haben nicht zuletzt wegen ihr die Räume im Untergeschoss der Rosengartenhalle zur Clubzentrale erkoren, in der sie regelmäßig in die Vollen gehen.

So eine Position sei mit Verantwortung verbunden, findet die 84-Jährige. Das Schild „wegen Krankheit geschlossen“ hat sie darum in all den Jahren kein einziges Mal rausgehängt. Das will sie ihren Gästen einfach nicht antun. Im Ernstfall kann sie auf die Unterstützung der Familie zählen. Als die Seniorin wegen einer Schulterverletzung nicht so beweglich war wie gewohnt, half ihre 68-jährige „kleine Schwester“ Gisela bei der Arbeit. Bei größeren Veranstaltungen steht ihr Sohn Gert zur Seite.

Ansonsten schmeißt sie ihren Laden bis heute selbstständig, bestellt die Waren, putzt und führt penibel ihre Buchhaltung. „Du darfst auf keinen Fall aufhören!“, würde sie oft genug von ihren Stammgästen hören, von anderen Bekannten dagegen die besorgte Frage: „Wie lange willst du das denn noch machen?“ „Solange ich kann und Lust habe“, laute dann ihre Standardantwort. Das Ende der Lust ist ebenso wenig in Sicht wie das Nachlassen der Kraft. Die Kegelbahn sei es, die sie so fit halte, mutmaßt die alte Dame mit den lebhaft blitzenden Augen und den freundlichen Lachfalten.

Drei Konkurrenten ausgestochen

34 Jahre jung war sie, als sie sich 1968 mit Ehemann Georg für die Leitung der gemeindeeigenen Kegelbahn bewarb, gegen drei Konkurrenten durchsetzte und vom damaligen Bürgermeister Ernst Weidner verpflichtet wurde — für mindestens ein Jahr.

Der Hintergrund dieser verbindlichen Zeitangabe sei der Umstand gewesen, dass die Einrichtung, die 1962 gemeinsam mit der Rosengartenhalle eröffnet worden war, nach nur sechs Jahren bereits drei Pächter „hinter sich“ hatte. Warum die Vorgänger so schnell aufgaben, weiß Ilse Ury nicht. Dass sie als Wirtin ihre Berufung gefunden hatte, war ihr seinerzeit sofort klar — jedenfalls fast: „Die ersten Tage hab’ ich meinen Mann alleine geschickt, weil ich zu große Hemmungen hatte.“

36 Jahre lang wanderte sie Tag für Tag mit Georg zur Kegelbahn und abends wieder nach Hause. Dann nahm ihr der Tod den treuen Gefährten. „Ich habe bis heute Heimweh nach ihm“, sagt sie traurig. 50 Jahre lang waren die beiden verheiratet. Eigentlich habe sie damals die Wirtschaft aufgeben wollen. Doch ihre Gäste, allen voran Bürgermeister Jürgen König, hätten sie zum Weitermachen überredet.

Gerne denkt sie an die Zeit, in der ihre Kegelbahn der gesellschaftliche Dreh- und Angelpunkt des Ortes war, weil es schlichtweg kaum eine Alternative gab. Heute hätten die Vereine alle ihr eigenes „Hüttle“, in denen sie ihre Feste feiern könnten. Über einen Mangel an Gästen kann sie trotzdem nicht klagen.

An diesem Abend hat unter anderem die „Dienstagskegelgesellschaft“ aus Schwäbisch Hall ihren festen Termin. „Wir fühlen uns pudelwohl bei Ilse“, stellt Alfred Haas stellvertretend für seine Kegelbrüder fest. Als das Hotel Hohenlohe vor vielen Jahren seine Kegelbahn geschlossen habe, hätten sie auf der Suche nach einer neuen Bleibe mehrere Optionen in Augenschein genommen und in Westheim sofort gewusst: „Hier sind wir richtig.“

Es sei zur festen Regel geworden, dass die Dienstagskegler alle ihre Geburtstage bei Ilse feiern, und selbstverständlich auch jeden Geburtstag ihrer Wirtin. Die schleppt eifrig die Apfelsaftschorlen für die Gruppe heran. Das Trinkgeld des Abends wird sie später wie immer in ihr Urlaubskässle legen. Und weil die Gäste das wissen, fällt der freiwillige Beitrag meist entsprechend großzügig aus.

In Westheim wartete die zweite Heimat

Ilse Thiele wurde 1934 in Breslau (Polen) geboren. Im Jahr 1945 flohen sie und ihre Schwestern mit der Mutter nach Niederbayern. Dort lernte Ilse auch ihren späteren Mann Georg Ury kennen. Nach Westheim zog sie 1953 mit ihrer Familie und ihrem Verlobten, weil der Vater eine Anstellung bei der BEW gefunden hatte. Der Ortsteil ist Ilse Ury längst zur zweiten Heimat geworden. Hier kamen ihre beiden Kinder auf die Welt. Seine damals 16-jährige Tochter verlor das Ehepaar 1972 durch einen Autounfall. Georg Ury starb 2004. Der gute Kontakt zu Sohn Gert, ihrer Enkelin, der kleinen Urenkelin und einigen Familienmitgliedern mehr ist ein großer Trost für die 84-Jährige. cito

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