Michelfeld Eine Expertin für Dialekte

Gudrun Hammel hat im Laufe ihres Lebens ungezählte Bücher gesammelt, die in hohenlohischen und schwäbischen Dialekten geschrieben sind oder die sich mit Dialekten beschäftigen.
Gudrun Hammel hat im Laufe ihres Lebens ungezählte Bücher gesammelt, die in hohenlohischen und schwäbischen Dialekten geschrieben sind oder die sich mit Dialekten beschäftigen. © Foto: Monika Everling
Michelfeld / Monika Everling 13.07.2018
Gudrun Hammel aus Michelfeld beschäftigt sich seit ihrer Kindheit mit hohenlohischen und schwäbischen Dialekten. Sie hat auch selbst zwei Bücher geschrieben.

Mit 14 Jahren stand Gudrun Hammel ohne Schulabschluss da. Am 4. Dezember 1944 wurde Heilbronn zerstört, „es war abends, so gegen 19 Uhr“, weiß die heute 88-jährige Dame noch. Ihre Schule gab es nicht mehr. Das wissensdurstige Mädchen aus Großgartach (heute Leingarten) hatte einen langen Weg vor sich, bevor sie Lehrerin werden konnte, wie es die Mutter ihr früh prophezeit hatte.

Direkt nach dem Angriff auf Heilbronn musste sie zunächst für die NS-Frauenschaft jeden Tag mit dem Leiterwagen zu Bauern ziehen und Lebensmittel erbetteln, damit die nun wohnungslosen Heilbronner, die im Dorfgasthof auf Stroh schliefen, versorgt werden konnten.

Einige Wochen später sind die Hammels bei Gudruns Großeltern in Neunkirchen bei Michelfeld untergekommen. Von dort aus war keine geeignete Schule erreichbar. „Ich hätte jeden Tag mit dem Fahrrad zwölf Kilometer nach Hall fahren müssen, und zudem waren die Schulen überfüllt“ – es gab ja nicht mehr so viele.

So arbeitete Gudrun Hammel auf dem Bauernhof der Großeltern mit, dann in einer Bäckerei und einer Gastwirtschaft, bis sie die Frauenarbeitsschule in Schwäbisch Hall besuchen konnte. Danach arbeitete sie als Schreibgehilfin auf dem Rathaus in Untersteinbach und später als „Haustochter“ bei der Akademie Comburg.

Es folgte ein bürotechnischer Jahreskurs auf der Haushaltungsschule, eine Zeit bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall und ein Jahr Aufenthalt bei einem Onkel in England. Dann endlich konnte sie aufs Aufbaugymnasium in Ochsenhausen gehen. Im Seminar für Hauswirtschaft, Handarbeit und Turnen in Kirchheim unter Teck wurde sie schließlich zur Lehrerin für Hauswirtschaft, textiles Werken und Sport ausgebildet. Sie arbeitete an verschiedenen Schulen im Raum Schwäbisch Hall, zuletzt an der Grundschule Langer Graben in Hall und an der Grundschule Michelfeld.

Gudrun Hammel stammte selbst aus einer Lehrerfamilie. Der Vater hat – wie es damals für Lehrer üblich war – auch Chöre geleitet, und die wiederum haben bei ihren Jahresfeiern Mundart-Theaterstücke aufgeführt. Das Mädchen war bei Vorbesprechungen dabei, hat Textfetzen aufgeschnappt und früh angefangen, Mundarten zu sprechen, zu lesen, vorzutragen und zu sammeln.

„Als Kind habe ich in Forchtenberg gewohnt, dort wurde Hohenlohisch gesprochen. Nur fünf Kilometer weiter in Wohlmuthausen wurde Neuensteiner Dialekt gesprochen. Und im Radio kamen Hörspiele in Stuttgarter Schwäbisch. Das hat mich fasziniert“, sagt sie. Dazu kommt: „Es gab ja keine Kinderbücher. Wenn ich etwas lesen wollte, musste ich die Heftchen mit den Theaterstücken nehmen. Da gab es in Öhringen die Verlagsbuchhandlung Rau, die die Reihen ,Schwäbische Volksbühne’ und ,Fränkische Volksbühne’ herausgab. Wenn ich in den Ferien bei Verwandten in Öhringen war, habe ich immer ein Buch mit einem Mundart-Theaterstück gekauft.“ Und als der Lesestoff trotzdem ausging, gab die Tante ihr das Öhringer Heimatbuch – damit wurde auch die Grundlage zu Hammels Interesse an Heimatgeschichte geweckt. Später haben ihr viele Bekannte ihre Mundart-Bücher überlassen. „Was im Gesangvereinsschrank übrig war, ging an mich.“

Während ihrer Zeit auf der Comburg hatte sie ein Schlüsselerlebnis: „Auf der Weihnachtsfeier regte die Hauswirtschaftsleiterin an, dass ich ,s Weggetaler Kripple’ lesen sollte. Das ist eine Weihnachtsgeschichte von Sebastian Blau in einem besonderen Schwäbisch. Ich war erst 19, da war es eine Herausforderung für mich, so etwas Schwieriges vorzutragen.“ Dass sie es geschafft hat, hat sie ermuntert, weiterhin bei vielen Gelegenheiten Texte vorzutragen, vor allem heitere Gedichte und Geschichten. Sie hat sehr viele Veranstaltungen der Landfrauen mitgestaltet, „in der Adventszeit hatte ich oft zwei Termine an einem Tag“. Wenn sie heutzutage bei Feiern gebeten wird, etwas vorzutragen, kommt sie dem gerne nach, auch wenn die Augen nicht mehr so mitmachen. Sie kann ja viel auswendig. Manchmal machen Verwandte Tonaufnahmen, um die Dialekte auch akustisch zu bewahren.

Etwas Französisch gelernt

In Hammels Haus in Michelfeld gibt es mehrere Schreibtische, an denen sie sammelt, sortiert, liest, schreibt. Sie hat Mundart-Sprüche kalligrafisch gestaltet, sie hat sich selbst etwas Französisch beigebracht, um für ihre Landfrauen-Tanzgruppe Tänze erarbeiten zu können, und sie hat zwei Bücher veröffentlicht. „Es ist nicht leicht, alleine zu leben“, gibt sie zu. „Aber meine Wohnung ist so schön. Und so lange ich mich mit den Dingen beschäftigen kann, die mich interessieren, ist es gut.“

Lehren, tanzen, sammeln

Gudrun Hammel wurde 1930 in Künzelsau geboren, sie ist in Forchtenberg, Großgartach und Michelfeld aufgewachsen. Sie war Lehrerin für Hauswirtschaft, textiles Werken und Sport, zuletzt an der Haller Grundschule am Langen Graben und der Grundschule Michelfeld. Sie leitete eine Tanzgruppe der Landfrauen Michelfeld, war im Schwäbischen Heimatbund und im Tübinger Verein für Volkskunde und ist im Historischen Verein für Württembergisch Franken.

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