Schwäbisch Hall Eine besondere Zeit im Blick

Im Eurythmiesaal zündet Beate Fluhrer-Burger die Bienenwachskerze in der Mitte des Stuhlkreises an. Dort werden die 13 Heiligen Nächte gefeiert. Foto: Bettina Lober
Im Eurythmiesaal zündet Beate Fluhrer-Burger die Bienenwachskerze in der Mitte des Stuhlkreises an. Dort werden die 13 Heiligen Nächte gefeiert. Foto: Bettina Lober
Schwäbisch Hall / BETTINA LOBER 03.01.2014
Zwischen Heiligabend und Dreikönig ist die Zeit der Heiligen Nächte oder Raunächte. Sie gelten in der Mythologie als besondere Nächte. Beate Fluhrer-Burger gestaltet derzeit jeden Morgen eine Stunde in der Waldorfschule.

Kleine Teelichter weisen den Weg von der Tür hinauf in den Eurythmie-Saal der Haller Waldorfschule. Dort hat Beate Fluhrer-Burger einen Kreis mit zwölf Stühlen aufgestellt. Die Mitte bilden unter anderem eine Bienenwachskerze, ein fünfzackiger Stern, ein Bergkristall, ein Mistelzweig, um die wiederum zwölf Zieräpfelchen gelegt sind. Utensilien voller Symbolkraft: Der Stern stehe etwa für den Menschen, der Bergkristall für Klarheit und Verdichtung und die Mistel wächst zwischen Himmel und Erde, erklärt die 61-Jährige.

Derzeit sind Schulferien, doch Beate Fluhrer-Burger kommt jeden Morgen zur Schule und bietet an, ab 7.30 Uhr, die Heiligen 13 Nächte zu feiern. Gemeinsam mit anderen erlebt sie, wie der Tag erwacht. "Heute war kurz ein violetter Schimmer zu sehen, bevor es wieder grau wurde", erzählt sie vom Donnerstagmorgen.

12 oder 13? Das variiert zuweilen auch regional, jedenfalls stehen jene Tage außerhalb der Jahre, sagt sie. Es sind zwölf korrigierende Tage, wie sie in alten kalendarischen Systemen gebraucht wurden, um das Sonnenjahr vom Mondjahr zu trennen. In der nordischen Mythologie sind sie den Göttern geweiht, und Odin braust mit seinem wilden Heer über die Welt. Im Deutschen werden diese Tage auch häufig die Zeit "zwischen den Jahren" genannt.

Schon vor Jahren seien die Heiligen Nächte in der Waldorfschule begangen worden. Sie habe immer wieder teilgenommen und es sehr genossen, in der Gemeinschaft geistige Anregungen zu bekommen, erzählt die Mutter dreier erwachsener Kinder - ihre jüngste Tochter machte vor sieben Jahren an der Haller Waldorfschule Abitur. Einige Jahre habe das Angebot pausiert, jetzt hat Beate Fluhrer-Burger kurzerhand selbst die Verantwortung dafür übernommen. Seit Sommer ist die Kindergärtnerin in Rente, "jetzt habe ich eher Zeit", sagt sie, und so könne sie auch "etwas zurückgeben".

Bei den Treffen in diesen Tagen geht es um "die Spiegelung der zwölf Monatstugenden im Märchen", erklärt Beate Fluhrer-Burger: "Heute hatten wir ,Hans im Glück und das Thema Selbstlosigkeit." Der Fokus liege in anderen Jahren auch auf mal auf Inhalten wie Farbsetzung zu den Tierkreiszeichen oder dem "Traumlied des Olaf Asteson", einer Legende aus dem norwegischen Mittelalter.

Die Heiligen Nächte würden häufig auch als eine Art Verdichtung des Jahres wahrgenommen, weiß Beate Fluhrer-Burger. Und so ranken sich allerhand Bräuche und Regeln um die Raunächte. Johanna Woll, Brauchtumsforscherin aus Waldenburg, die sich tatkräftig fürs Hohenloher Freilandmuseum in Wackershofen engagierte und im Herbst im starb, führt verschiedene Verbote auf das Bedürfnis zurück, eine Arbeitspause zur Besinnung zu haben. So durften in der Zeit der Raunächte keine Wäsche oder Haare gewaschen werden. Während der Zeit der zwölf Nächte versuchten die Menschen, einen Blick in die Zukunft zu werden. Die auch "Lostage" genannten Raunächte sollten das Wetter der folgenden zwölf Monate spiegeln.

Ob sie die alten Raunacht-Traditionen auch aus der Kindheit kennt? Beate Fluhrer-Burger denkt kurz nach. "Nicht direkt", sagt sie. Aber schon damals habe sie in der Zeit zwischen Heiligabend und Dreikönig Probleme gehabt, die Wochentage richtig zuzuordnen - "das geht mir bis heute so". Sie merke, es sei eine besondere Zeit, "und ich finde, wir werden in diesen Tagen nicht älter". Im Gegenteil, durch die geistige Beschäftigung, sei es sogar eine Zeit der Verjüngung.

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