Freilichtspiele Ein Verräter ist auch nur ein Mensch

Gunter Heun als Judas in der Urbanskirche.
Gunter Heun als Judas in der Urbanskirche. © Foto: Freilichtspiele Hall/Jürgen Weller
Schwäbisch Hall / Bettina Lober 22.11.2016
Im Winterprogramm der Freilichtspiele Hall berührt Gunter Heun in der Urbanskirche mit einem eindringlichen „Judas“-Monolog.

2000 Jahre hat er geschwiegen. Nun ist Judas, der Verräter Jesu Christi, wiederauf­erstanden und erklärt sich – in der Haller Urbanskirche. Freilichtspiele-Intendant Christian Doll führt Regie und lässt den ultimativen Sündenbock in einem Kleinod mittelalterlicher Baukunst und christlicher Kunstgeschichte zu Wort kommen – mit dem spannenden „Judas“-Monolog der Autorin Lot Vekemans.

Der ambivalenten Verräter-Persönlichkeit Judas gibt der Schauspieler Gunter Heun eine berührende Lebendigkeit. Sein Judas ist ein differenzierter Denker, der es mit Worten, ihren Silben und Bedeutungen peinlich genau nimmt. Gekonnt spielt er mit Erwartungen, nimmt die Ehrlichkeit unter die Lupe und schaut jedem ins Gesicht.

Die Konsequenz seiner Gedankengänge imponiert. Indem Judas seine Geschichte schildert, die Motive seiner Tat erklärt, hält er den Menschen den Spiegel vor – ein schonungslos Selbstdenkender, der sich mit bohrenden Fragen herumschlägt: „Wenn man immer nur folgt, im Schatten eines anderen geht, was ist dann dieses Leben in den Augen Gottes wert?“

Zweifel braucht Aktivität

Der ewig Verdammte ist ein beharrlicher Zweifler. Doch das treibt das Denken erst recht an: „Glauben braucht keine Aktivität, Zweifel schon.“ Die Passivität Jesu gegenüber den Machthabern, jene endlose Demut lässt Judas verzweifeln. So sehr, dass er Jesus durch den Verrat zum „Weitermachen“ zwingen will. Judas konnte nicht anders, seine Tat war unausweichlich: Ohne ihn kein Verrat, keine Kreuzigung, keine Erlösung. Judas erkämpft sich sein Selbstbewusstsein zurück. Vergebung? Darüber muss jeder selbst entscheiden.

Wenn es um große Rollen geht, vertraue Intendant Doll häufig Gunter Heun, heißt es in der Ankündigung. Wer diesen Kraftkerl als Judas in der Urbanskirche erlebt, wie er analysiert, schimpft, flüstert, plaudert, Pausen setzt, weint, schreit, bereut, der bekommt eine Ahnung davon, warum. Mit ihm in Fragen, Glauben und Zweifel einzutauchen, lohnt sich.