Ein Landwirt emanzipiert sich

VERENA BUFLER 30.12.2013

Als Johann Haigold am 23. März 1903 in Tüngental unter sehr zahlreicher Beteiligung aus Stadt und Land beigesetzt wird, steht auch seine Tochter am Grab. Sie ist das einzige von neun Kindern, das die Eltern überlebt hat. Sechs ihrer neun Kinder verloren Johann Haigold und seine Gattin bereits in deren ersten Lebensjahren. Das Ausmaß dieser Schicksalsschläge für die Familie vermag man sich nicht vorzustellen.

In seiner Grabrede hebt Pfarrer Weidner die besondere Stellung des Familienoberhaupts hervor: "War er doch ein freundlicher und verständiger Führer der längst vorangegangenen Gattin, ein liebender und sorgsamer Vater und Berater der aus dem Kinderkreis allein noch übrigen Tochter, ein treuer und kluger Anwalt der frühe elternlos gewordenen Enkel." Johann Haigold wurde für damalige Verhältnisse erstaunlich alt und starb am 21. März 1903 mit 86 Jahren einen "stillen und sanften Tod", wie Pfarrer Weidner am Grab ausführt. Im öffentlichen Gedächtnis bleibt er vor allem als Schultheiß von Tüngental, Förderer der Landwirtschaft und Landtagsabgeordneter.

Johann Michael Andreas Haigold wurde am 17. März 1817 in Haßfelden - dem Heimatort seiner Mutter - geboren. Dort besaß sein Vater, Gemeinderat Johann Friedrich Haigold, nicht nur ein größeres landwirtschaftliches Anwesen, sondern auch die einzige örtliche Gastwirtschaft ("Zum Lamm"), mit der eine Bierbrauerei verbunden war. Nachzulesen ist dies im Jahrbuch des Historischen Vereins für Württembergisch Franken aus dem Jahr 1989. Darin beschreibt Hans-Peter Müller auf 22 Seiten vor allem das öffentliche Wirken Haigolds und dessen Verdienste - zum Beispiel als Schultheiß von Tüngental, der er 25 Jahre lang war. Da Haigold zur einheimischen Honoratiorenschicht gehörte, stellte die fehlende Qualifikation als Verwaltungsfachmann kein Hindernis dar. Haigolds erste Dienstjahre fielen in die Ära einer landesweiten Wirtschaftskrise. In dieser Zeit bewies er ein ausgeprägtes soziales Gewissen, "schenkte der Armenpflege die nötige Aufmerksamkeit", wie ihm der damalige Ortspfarrer bescheinigte. Immer wieder setzte sich Haigold für den Straßenbau und die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse seiner Gemeinde ein.

Geprägt durch sein Elternhaus war Haigold zeitlebens ein Mann der Landwirtschaft. Er siedelte als einer der ersten Ortsvorsteher in der Region eine Winterabendschule für Landwirte an und richtete eine Ortslesebibliothek ein. Im März 1870 wurde er zum Vorsitzenden des Landwirtschaftlichen Bezirksvereins (LBV) Schwäbisch Hall gewählt - und war damit der erste Landwirt an der Spitze des LBV, der zuvor von höheren Beamten oder städtischen Honoratioren geleitet wurde. In seiner Person zeigt sich die Emanzipation der Landbevölkerung von den Städtern. Seine Verdienste lagen besonders im Ausbildungssektor und der Verbesserung der Viehzucht.

Nach seiner Resignation als Schultheiß aus "Kränklichkeit", wie er angab, trat der 62-jährige Haigold beinahe unfreiwillig in die Politik ein und wurde der zweite Repräsentant des Haller Landes im Stuttgarter Landtag nach dem Großallmerspanner Wirt Haas. Er redete selten und sollte 15 Jahre lang ein "Hinterbänkler" bleiben. Wahlkämpfen war Johann Haigold eher abgeneigt; man diffamierte ihn, er diffamierte niemanden.

Aufgrund seines Einsatzes und seiner Leistungen für das Haller Land benannte die Stadt Ilshofen einen kleinen Weg nach dem Tüngentaler Schultheiß. Im Haigoldweg, einer Sackgasse, leben auch ein 73-Jähriger und seine Frau seit 19 Jahren im eigenen Haus. "Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich das Allmerspänner Wäldle", erzählt der Mann. Das Leben im Haigoldweg sei ruhig, die meisten Bewohner seien Eigentümer. "Ich kann nur Positives über unsere Wohngegend berichten."

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