Kirchberg Ein kulturhistorischer Schatz

Grete Gonser hat für das Sandel'sche Museum in Kirchberg viele Informationen über die Kirchberger Tulpengräfin zusammengetragen.
Grete Gonser hat für das Sandel'sche Museum in Kirchberg viele Informationen über die Kirchberger Tulpengräfin zusammengetragen. © Foto: Grete Gonser hat für das Sandel'sche Museum in Kirchberg viele Informationen über die Kirchberger Tulpengräfin zusammengetragen. Foto: Ute Schäfer
Kirchberg / Ute Schäfer 07.06.2018
Wenn Sie jetzt in Ihren Garten gehen, um die Tulpenzwiebeln zum Überwintern zu holen, so denken Sie an Gräfin Anna Amalia: Die nahm ihre Tulpenzwiebeln sogar mit auf Reisen.

Warum auch immer – aber Gräfin Anna Amalia lebte nicht bei ihrer Tochter, bei Gräfin Anna Maria und ihren Kindern, im Schloss in Langenburg. Denn als Anna Amalia von Solms-Sonnenwalde verwitwet im damals hohen Alter von 63 Jahren die Nähe ihrer Tochter suchte – sie kam von Straßburg über Döttingen nach Langenburg –, so brachte sie ihr Schwiegersohn, Philipp Ernst von Hohenlohe, Graf in Langenburg, nicht bei sich in Langenburg, sondern im Schloss in Kirchberg unter. Ein entsprechender Vertrag zwischen ihr und Graf Philipp Ernst ist überliefert. Dem Schloss tat die Bewohnerin  gut, denn es war zuvor leer gestanden. Gräfin Anna Amalia war eine tatkräftige, wohltätige Frau. In Kirchberg angekommen, legte sie gleich zwei Gärten an, weiß Grete Gonser vom Sandel‘schen Museum in Kirchberg. „Von ihren Gärten sind Beschreibungen vorhanden.“ Der eine Garten war ganz klar der Hofgarten, meint Grete Gonser. „Der wurde aber wahrscheinlich hauptsächlich für die Küche genutzt.“ Der andere wird an der südöstlichen Seite des Schlosses gelegen haben, vermutet Gonser. „Das passt von den Maßen her. Ich habe mal nachgemessen.“

Ausgewiesene Pflanzenexpertin

Ein Garten war nötig, denn Anna Amalia war eine Pflanzenkennerin und -liebhaberin. Sie reiste mit ihnen, was ihrem Inventarbuch zu entnehmen ist. Dieses hat die Jahrhunderte überdauert und liegt heute im Hohenlohe-Zentralarchiv in Neuenstein. Es heißt: „Haußbuch waß ich zu Straßburg hinderlaßen, da ich rauß bin gezogen, und waß ich auch hier zu Kirchberg hab“.

Das in Leder gebundene Buch mit Holzdeckel ist ein kulturhistorischer Schatz, denn es verzeichnet das gesamte Inventar einer reichen Gräfin um 1625 – also mitten im Dreißigjährigen Krieg.

Auf 300 Seiten hat Anna Amalia akribisch genau jede einzelne Stickerei, jedes Betttuch und jedes Silberzeug verzeichnet, aber auch jedes Handwerksgerät, ja sogar jeden Nagel – und ihr Apothekerzeug dazu. „Blauweiß und hölzern“ Tiegel, darin Salben und Tinkturen und die entsprechenden Pflanzen dazu.

„Die Pflanzenliebe hat sie wahrscheinlich von ihrer Großmutter geerbt“, vermutet Grete Gonser, denn Juliane von Nassau-Dillenburg (1506 bis 1580), übrigens die Stamm-Mutter des niederländischen Hauses Oranien, war ebenfalls leidenschaftliche Apothekerin und Pflanzenkundlerin.

Deshalb verzeichnet auch das Inventar von Anna Amalia in Kirchberg über 100 Pflanzenkübel und Pflanzen, darunter „Frankforter Gewächsen“ (was auch immer das war), oder Krokusse und Anemonen. Doch eine Pflanze lässt besonders aufhorchen: Anna Amalia hatte Tulpen dabei, von ihr „dullaban“ genannt. Grete Gonser kann die Beschreibungen auf einer Kopie der entsprechenden Inventarseite entziffern: „dullaban gar schön“, zum Beispiel, „dullaban güldenlich weiß“ oder „dullaban weiß mit roten Streifen“.

Damit war Anna Amalias Kirchberger Garten topmodisch und wird sicher von vielen bewundert worden sein. Denn Tulpen waren damals ein äußerst begehrtes und sehr teures Sammlerobjekt, ein Statussymbol. Gerade mit mehrfarbigen Tulpen, wie jener weißen mit den roten Streifen, stand Anna Amalia, wenn man so will, an der Spitze der Bewegung (siehe Infokasten).

Was aus ihren Tulpen in Kirchberg geworden ist, weiß niemand. Die Gräfin musste Kirchberg 1634 fluchtartig verlassen. Denn aller Ziergärten und Tulpenzwiebeln zum Trotz tobte der 30-jährige Krieg und nach der Schlacht bei Nördlingen  am 6. September 1634 zogen die Heere marodierend durchs Land.

Anna Amalia floh zuerst zu ihrer Tochter nach Langenburg, und als dort eine Belagerung durch die Kaiserlichen drohte, flohen beide Frauen in Anna Amalias alte Heimat ins Saarland, wo die Tochter Anna Maria im November an den Blattern starb. Ihr Grabmal steht heute übrigens im Altarraum der Langenburger Kirche. Anna Amalia zog weiter nach Straßburg. Dort starb auch sie kurz darauf, im Januar 1635. In Hohenlohe hinterließ sie Stiftungen und die Erinnerung an viel Gutes – zum Beispiel an das Spital in Döttingen, das sie gründete und das 300 Jahre lang fortbestand. Auch die beiden Waisenmädchen von Unterregenbach, deren Unterhalt sie kurz vor der Flucht noch sicherte, hatten ihr viel zu verdanken.

Tulpen werden zum Spekulationsobjekt

Die Lust an den Tulpen nahm ein übles Ende: Immer höher stiegen die Preise dafür. In Amsterdam wurden bald sogar Tulpenzwiebeln gehandelt, die es noch gar nicht gab. Die Händler spekulierten wie bei Termingeschäften auf eine Wertsteigerung und die Preise schossen durch die Decke. Beispielhaft hierfür steht die Tulpe „Semper Augustus“. Sie war weiß-rot gestreift und war vielleicht sogar der Tulpe ähnlich, die die Kirchberger Gräfin in ihrem Inventar vermerkte. Einem Bericht aus dem Jahr 1623 zufolge gab es in jenem Jahr nur zwölf Tulpen dieser Sorte. Jede einzelne Zwiebel kostete 1000 Gulden. 1637 wurden für drei Zwiebeln 30.000 Gulden geboten. Damit war die „Semper Augustus“ wohl die teuerste Tulpe aller Zeiten. Zum Vergleich: Das Durchschnittseinkommen in den Niederlanden lag damals im Jahr bei etwa 150 Gulden, die teuersten Häuser an einer Amsterdamer Gracht kosteten rund 10.000 Gulden (Quelle: Wikipedia). Die Unterregenbacher Waisenmädchen bekamen von Anna Amalia jährlich 12 Gulden aus der Döttinger Spitalstiftung.

Das Spekulationsfieber mit den Tulpen endete jäh. Im Februar 1637 platzte die Blase. Die Kirchberger Tulpengräfin erlebte das nicht mehr mit. Sie starb 1635. uts

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