Schwäbisch Hall Ein Krimi als spannendes Geschichtsbuch

Eine kleine, aber interessierte Zuhörerschar lauscht Gunnar Kunz, der seinen Krimi im Theater-Milieu ansiedelt.
Eine kleine, aber interessierte Zuhörerschar lauscht Gunnar Kunz, der seinen Krimi im Theater-Milieu ansiedelt. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Ursula Richter 07.06.2018
Gunnar Kunz liest in der Schwäbisch Haller Buchhandlung Osiander aus seinem fünften Weimarer-Republik-Roman „Ausgeleuchtet“.

Es geht richtig krimimäßig los.  Die Darstellerin der Helena im „Sommernachtstraum“  am Deutschen Theater in Berlin, die „schlichte“ (Regisseur Terboven) Emily Sydow, wird von herabstürzenden Scheinwerfern erschlagen. Schnell zeigt sich, dass das kein Unfall war – und dass der Scheinwerfer die falsche getroffen hat: Gemeint war ihre Kollegin Nora Dernburg.

Hier kommen Gregor und Hendrik ins Spiel. Die Brüder Lilienthal, der Kriminalkommissar und der Philosophieprofessor, bilden zusammen mit Gregors Ehefrau Diana Escher ein ungewöhnliches Ermittlertrio. Die Irrungen und Wirrungen in der Handlung der Komödie  haben Entsprechungen im Tun und Treiben der Theaterleute. Dem Ehemann Noras, dem „blonden Schönling“, der den Lysander spielt,  käme deren Tod  gelegen. Der Regisseur realisiert kaum, was geschehen ist, er denkt nur an die bevorstehende Premiere.

Von dem Tatort Bühne versteht der Autor etwas. Er war 14 Jahre lang als Regieassistent tätig, bis er sich 1997 dazu entschied, freier Autor zu werden. Gunnar Kunz gibt in seiner von der Reinhold-Maier-Stiftung und der Buchhandlung Osiander veranstalteten Lesung einen Einblick in die Ausgangskonstellationen des Romans. Er liest zügig, lebhaft und verleiht einzelnen Akteuren eigene Stimmlagen. „Das scheint Ihnen ja Spaß zu machen“, stellt ein Zuhörer fest.

Dass es sich nicht nur um Spaß handelt, entnimmt das Publikum der Antwort des Autors auf die Frage: „Mich würde die Atmosphäre interessieren, in der Sie schreiben.“ Da fallen die Stichworte Selbstdisziplin. sieben Tage die Woche zehn Stunden, vormittags schreiben, nachmittags Recherche und Organisation, abends Lektüre. Die Recherche fällt bei einem Kriminalroman, der 1926 einsetzt, üppig aus. „Die Hauptfiguren und der Fall sind erfunden“, erläutert der Schriftsteller. „Alles sonst ist genau.“ Damit meint er nicht nur die Hauptlinien der politischen Geschichte wie die entschädigungslose Fürstenenteignung und Fememorde, sondern auch die Details. „Wie teuer war das Brot? Wie war das Wetter an dem Tag? Gab es damals schon künstliche Wimpern?“

„Ich erzähle die Geschichte der Weimarer Republik“, erläutert Kunz. Er setzt im Jahr 1920 mit dem Roman „Dunkle Tage“ an. Sein nächstes Projekt  „Schwarze Reichswehr“ ist eben abgeschlossen und spielt 1927. „Sind solche Krimis das bessere Geschichtsbuch?“,  fragt Jörg Brehmer, der die Lesereise für die Reinhold-Maier-Stiftung organisiert. Der Gymnasiallehrer für Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde  lebte mit seiner Frau Ingeborg, die Pfarrerin der Kreuzäckergemeinde war, bis Anfang dieses Jahres in Hall. Für ihn und, er ist überzeugt, auch für seine Schüler ist die Vermischung des populären Genres der Kriminalromane mit der politischen, der großen Geschichte interessant. „Es erweitert den Horizont“, findet Brehmer.  „Es ist kulturpolitische Bildung. Was kann man aus der Vergangenheit für heute lernen?“ Man merkt ihm die Freude an über den „kleinen Spot in diese interessante Zeit“.

Info

Die Reinhold-Maier-Stiftung Baden-Württemberg  will den politischen Liberalismus fördern. Reinhold Maier (FDP/DVP) wurde 1945 von der US-amerikanischen Militärregierung als Ministerpräsident von Württemberg-Baden  eingesetzt.

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