Ich habe meinen Namen vergessen.“ So beginnt ein Gedicht von Ziad al-Charraf, einem Freund von Aeham Ahmad, der es vertont hat. Heidi Hahn vom veranstaltenden Kunstverein „KISS“ liest es am Samstagabend auf Deutsch vor – wie auch den Ausschnitt davor aus Ahmads Autobiografie „Und die Vögel werden singen“.

Ahmads Klavierspiel ist kein sonderlich nuancenreiches oder gar von besonderer Virtuosität geprägtes, aber es ist emotional betrachtet von großer Authentizität. Ahmad hatte im Flüchtlingslager von Yarmouk für die Menschen und gegen den Hunger gespielt. Denn Tag für Tag verhungerten dort Menschen, weil Hilfslieferungen mit Lebensmitteln lange Zeit nicht ihr Ziel erreichten.

Auch in den zerbombten Straßen war er mit seinem alten Klavier unterwegs und spielte dort als lebendes Symbol der Menschlichkeit gegen den Krieg. Als Yarmouk in die Hände des IS, des „Islamischen Staats“, geriet, wurde sein Klavier vor seinen Augen von den IS-Schergen verbrannt. Er selbst empfand es als das Verbrennen eines Freundes.

Das Leid herausschreien

Eine große Emotionalität prägt also das Konzert in Untergröningen, obwohl Aeham Ahmad schon eine große Zahl von Konzerten dieser Art – mit Lesung aus seinem Buch – gespielt hat. Dennoch lässt er sich von seinen Gefühlen mitreißen. Das betrifft auch seinen Gesang, mit dem er das Leid der Menschen dort in Syrien geradezu herauszuschreien scheint – das wird verstärkt durch das für arabische Musik typische Einbeziehen von Vierteltönen, durch das Verschleifen von Tönen, ganz im Gegensatz zur europäischen Stimmung des Klaviers.

Er will das Leiden der Menschen im Krieg an Hunger und Hoffnungslosigkeit mit seinen eigenen Stücken thematisieren. Mit groß ausladender Geste und viel Leidenschaft setzt er das um. Im Raum ist das Schluchzen einer Frau zu hören. Vielleicht ist auch sie ein Flüchtling, wie mehrere andere Anwesende.

Aber Aeham Ahmad reicht es nicht, dass er selbst Klavier spielt und singt. Das Publikum will er mitsingend einbeziehen. Das stimmt gern mit ein, lässt sich von ihm zu sich wiederholenden ­Gesangsphrasen verleiten. Und es singt ebenso begeistert das Volkslied „Die Gedanken sind frei“ mit, genauso wie später auch Beethovens „Freude schöner Götterfunken“.

Aeham Ahmad ist in einer neuen Heimat angekommen. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt er nun nach der Flucht in Wiesbaden. „Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt“, geht Friedrich Schillers Ode an anderer Stelle weiter: Passender hätte es zu diesem Abend im Rahmen der Ausstellung „Identity – Kunst sucht Heimat“ kaum sein können.

Flüchtlinge müssen Gras essen

Zwischendurch liest Heidi Hahn weiter Auszüge aus Ahmads Buch: über das Bombardieren von Yarmouk, über die Freude angesichts des 25-Kilogramm-Kartons voll mit Lebensmitteln, nachdem die Menschen schon begonnen hatten, Gras zu essen, über den „Spießrutenlauf mit drei Checkpoints“ mit palästinensischer sowie schiitischer Miliz und schließlich mit Regierungstruppen, und über die Flucht aus dem Lager Richtung Europa. Er wolle „den Menschen auf der Welt zeigen, wie wir gequält wurden“, hat Ahmad in seiner Autobiografie geschrieben.

Dann greift er beim Konzert wieder in die Tasten, lässt schnelle, aggressive Klavierfigurationen einer sehnsüchtigen Melodie vo­rausgehen. Das Klavierspiel und der Gesang werden eins. Manchmal befindet sich alles auch in der Schwebe. Am Ende bedankt sich Ahmad, der sich bisweilen regelrecht verausgabt hat, beim Publikum für die wunderbare Atmosphäre, die es geschaffen habe.

Altbundespräsident Joachim Gauck habe ihm Mut gemacht, „die Gedanken sind frei zu verwenden“, erzählt Aeham Ahmad noch, bevor er das Lied, natürlich zusammen mit seinem Publikum, nochmals anstimmt. Und als zweite Zugabe angesichts des nicht mehr enden wollenden Beifalls folgt noch ein Lied aus seiner eigenen Feder: „Die Sonne wird scheinen, und es wird Frieden sein“.

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Info


Sie Ausstellung „Identity – Kunst sucht Heimat“ läuft noch bis zum 27. Januar. Am Mittwoch beginnt im Untergröninger Schloss um 19.30 Uhr eine Podiumsdiskussion über die Lage in den Flüchtlingslagern. Dabei sind Werner Gnieser vom Verein „Kali:mera“, der sich um das Lager Moria auf der Insel Lesbos kümmert, und der Chefredakteur der Schwäbischen Post, Damian Imöhl.