Vortrag in Schwäbisch Hall Gregor Gysi über Wiedervereinigung, Parteien und das Siegen

Samstagmittag auf der Henkersbrücke: Nachdem Michael Röther (rechts) den Gast durch die Haller Innenstadt geführt hat, treffen er und Gregor Gysi (Mitte) dort Walter Döring. Der ehemalige Wirtschaftsminister hat den Besuch Gysis in Schwäbisch Hall eingefädelt.
Samstagmittag auf der Henkersbrücke: Nachdem Michael Röther (rechts) den Gast durch die Haller Innenstadt geführt hat, treffen er und Gregor Gysi (Mitte) dort Walter Döring. Der ehemalige Wirtschaftsminister hat den Besuch Gysis in Schwäbisch Hall eingefädelt. © Foto: just
Schwäbisch Hall / Jürgen Stegmaier 05.11.2018
Gregor Gysi spricht am Freitagabend in der Kulturscheune der Waldorfschule. Die Haller Serviceclubs Lions und Rotary haben den Linken-Politiker eingeladen.

Der Mann, von dem hinter dem Rednerpult weit weniger zu sehen ist als von seinen Vorrednern Thomas Radek (Lions) und Michael Röther (Rotary), gehört zu den prominentesten Vertretern der Linken, ja des Berliner Politikbetriebs. Dass der Präsident der Europäischen Linken von den Haller Serviceclubs, denen eher ein konservatives Etikett anhaftet,  eingeladen wurde, ist für einige Besucher bemerkenswert.

Für Gregor Gysi selbst ist dies kein Widerspruch. „Seit dem ich nicht mehr Fraktionsvorsitzender bin, erhalte ich wahnsinnig viele Einladungen, auch von Banken und Unternehmen. Das hat vielleicht mit meiner Rolle als Mitglied des politischen Beirats im Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft zu tun“, erklärt Gysi tags darauf. „Die, die mich früher eingeladen haben, laden mich immer noch ein. Die, die mich früher nie eingeladen haben, beispielsweise der Rotaryclub Schwäbisch Hall, laden mich jetzt ein. Andere denken, ich kriege keine Einladungen mehr und laden mich doppelt so oft ein. Leider bin ich ein grottenschlechter Neinsager …“, verrät der 70-Jährige zu seinem Auftritt vor knapp 200 Zuhörern in Schwäbisch Hall.

Der Gast bietet Anschauliches für Politik und Alltag. Nach drei Siegen müsse man sich auch mal eine Niederlage organisieren. Dies habe der Jurist in Partnerschaften gelernt, vor Gericht, aber auch im Umgang mit politischen Freunden und Gegnern. Wer immer nur recht behalte, bei dem stelle sich kein Triumphgefühl mehr ein.

Schon ist Gregor Gysi bei der deutschen Wiedervereinigung beziehungsweise dem, was viele dafür halten. Er geht davon aus, dass es eine Vereinigung im Sinne des Wortes nicht gegeben hat. Das wäre anders, wenn der Westen dem Osten mehr Zugeständnisse gemacht hätte. „Wenn wir fünf oder sechs gute Dinge aus der DDR übernommen hätten, wären die Menschen im Osten selbstbewusster und die im Westen hätten eine höhere Lebensqualität. Man muss auch mal aufhören zu siegen“, sagte der gelernte Facharbeiter für Rinderzucht in ruhigem Ton.

Diese Ausbildung, die er zusammen mit dem Abitur erworben hat, sei wichtiger gewesen als die zum Juristen, kokettiert Gysi. Denn er habe gelernt, wie man mit Hornochsen umgeht und wie man melkt. Sätze wie diese sind es, die das Publikum veranlasst, den Linken-Vordenker nach einem zweistündigen Vortrag mit langem und kräftigem Applaus zu verabschieden.

Der promovierte Jurist erklärte, warum Menschen dazu verleitet werden können, Despoten zu wählen: „Ohne Demokratie geht alles schneller.“ Gysi schlägt allerdings nicht ein höheres Tempo vor, sondern ermahnt die Parteien, ihre jeweils unterschiedlichen Aufgaben zu erledigen. Jede habe ihre eigenen. Zumindest die Grünen hätten verstanden. Sie hätten sich als das Gegenüber zur AfD positioniert, obwohl sie das nicht seien, sie hätten erkannt, dass die Ökologie an Bedeutung gewinnt und dass es um die Gesellschaft als Ganzes geht. „Die anderen Parteien dagegen regieren kleinkariert“, so die Erkenntnis.

Dass die Mitte der Gesellschaft ins Schwanken geraten ist, könne sich Gysi erklären: „Die Mitte bezahlt alles. Die Armen haben nichts, und die Reichen finden Wege, Steuern zu umgehen.“ Eine ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen fliege uns eines Tages um die Ohren. Der Impuls dazu würde aber nicht aus der linken Ecke kommen, sondern aus der rechten. Gregor Gysi wünscht sich, dass die Jugend rebellischer wird, dass das mittlere Alter dies akzeptiert und dass die Alten weniger über Krankheiten reden.

Vielleicht lässt sich der Appell Gysis in Hall auf einen Begriff reduzieren: Toleranz. Der Mann, der bei der deutschen Wiedervereinigung eine zentrale Rolle als Anwalt der Menschen im Osten wahrgenommen hat, wünscht sich, dass die Linken offener werden gegenüber konservativen Persönlichkeiten der Geschichte, die Konservativen  müssten offener werden gegenüber Linken. „Doch zwei Gruppen schließen wir aus: Nazis und Stalinisten“, so Gysi. Insbesondere wünscht sich der Berliner, der das Direktmandat im Bezirk Köpenick-Treptow hält, dass die Deutschen ein lockeres Verhältnis zu dem Philosophen Karl Marx entwickeln.

Eine historische Aufgabe

Wer ist Gregor Gysi? Das ist einfach herauszufinden: Bundestagsabgeordneter der Linken, einst deren Fraktionsversitzender, Rechtsanwalt, letzter Vorsitzender der SED-PDS sowie deren Nachfolgepartei PDS, 1948 in Ost-Berlin geboren. Er war zweimal verheiratet und hat drei Kinder. Erlernt hat er in Kombination mit dem Abitur den Beruf des Facharbeiters für Rinderzucht, später hat Gysi an der Berliner Humboldt-Universität Jura studiert. Gegen den Vorwurf, er sei aktiv an der Verschleierung des SED-Vermögens beteiligt gewesen, geht Gysi entschlossen vor. Bei der zurückliegenden Bundestagswahl gewann er das Direktmandat im Berliner Bezirk Köpenick-Treptow. Gysi ist Präsident der Europäischen Linken.

Aus einer solchen Aufzählung geht nicht hervor, wie der 70-Jährige auf sich selbst blickt,  welches Verdienst er sich selbst  zuschreibt. Er erwähnt es, als das Gespräch auf Helmut Kohl kommt. „Mein Verhältnis zu ihm war nicht ausgeprägt schlecht. Er wusste, dass ich – natürlich nicht alleine - eine Arbeit geleistet habe, die er nicht leisten konnte. Ich und meine Mitkämpfer haben all die Bürger der DDR, die durch niemand vertreten waren, in die Einheit geführt. Das war eine historische Aufgabe. Wer kümmerte sich denn um die Millionen Partei- und Staatsfunktionäre? Bis eben warst du noch Hauptmann der Nationalen Volksarmee und wahnsinnig wichtig, und plötzlich bist du das Letzte“, erzählt Gregor Gysi bei einem Gespräch am Samstag im Haller Hotel Hohenlohe.

Das Urgestein der Linken gibt sich nahbar, locker, zurückhaltend und doch wird deutlich, dass er gerne hätte, dass diese „historische Aufgabe“ mehr gewürdigt wird. An anderer Stelle erzählt Gregor Gysi von einem Gespräch mit dem damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, das kurz nach dem Zusammenbruch der DDR stattgefunden hat: „Herr Gysi“, habe Schäuble gesagt, „Herr Kohl und ich wissen, dass wir es in erster Linie Herrn Modrow (letzter Regierungschef der DDR) und Ihnen zu verdanken haben, dass im Osten kein Schuss gefallen ist. Ich will nur, dass Sie wissen, dass wir das wissen.“ Kohl und Schäuble hätten dies so deutlich jedoch nie in ihrer Fraktion gesagt. „Das aber wäre fair gewesen“, sagt Gregor Gysi.

Er sei eher harmoniesüchtig, stelle gerne Übereinstimmung her. „Wenn das nicht klappt, kann ich ganz schön zickig werden“, räumt Gysi ein. So kennt man ihn von Fernseh-Talkshows: rhetorisch brillant, gnadenlos schlüssig in der Argumentation. Diese Talkshows habe er nicht besonders gerne. Gysi verrät, dass er lange Zeit nur deshalb in die Fernsehsendungen ging, um das Negativbild, das es von ihm persönlich und seiner Partei gegeben habe, Schritt für Schritt abzubauen. „Die Mehrheit der Bevölkerung lehnte mich lange ab“, sagt Gregor Gysi am Samstag bei schwarzem Tee mit Kandiszucker.

Gysi spricht von Ablehnung, aber auch von Hass. Hat er diesen im Deutschen Bundestag erfahren? „Es gab drei Arten, mich im Bundestag zu behandeln: Die einen sprachen im Bundestag und draußen sachlich zu mir, zum Beispiel Heiner Geißler. Die anderen warfen Feuer im Saal, um mir draußen zu sagen, dass sie das gar nicht so meinen. Die mochte ich am wenigsten. Und wieder andere warfen drinnen und draußen Feuer.“ Inzwischen sei es ruhiger geworden. just

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel