Schwäbisch Hall Ein Faible für Glimmer und Glitter

Kerstin Körner hält den Siedern seit 20 Jahren die Treue. Für sie fühle sich das an wie das gute Gefühl nach einer langen Ehe.
Kerstin Körner hält den Siedern seit 20 Jahren die Treue. Für sie fühle sich das an wie das gute Gefühl nach einer langen Ehe. © Foto: Sonja Alexa Schmitz
Schwäbisch Hall / Sonja Alexa Schmitz 16.05.2018
Dass bei den Siedern die Uniform sitzt, dafür sorgt seit 20 Jahren die Haller Schneiderin Kerstin Körner.

Am Samstagabend des Pfingstwochenendes wird Kerstin Körner auf der Großen Treppe stehen und horchen. Sobald die ersten Trommeln zu hören sind, die Sieder die Neue Straße hinaufmarschieren, wird sie, wie jedes Jahr, eine Gänsehaut kriegen. „Ich bin genetisch vorbelastet. Fasching und humtata – damit bin ich groß geworden“, sagt die in Stuttgart Geborene. Ihr Vater war im Faschingselferrat, ihre Mutter Gardetänzerin.

Vor 20 Jahren, sie war gerade dabei, sich als Schneiderin mit einem Laden in der Langen Straße selbstständig zu machen, wurde sie zur Kleiderkammerverwalterin der Haller Sieder. Eine Bekannte, die Kinder im Kleinen Siedershof hatte, fragte sie an. Der Vereinsvorstand lernte sie kennen „und schon war‘s gschwätzt“. Als das nächste Pfingstfest anstand und die neue Siedersschneiderin den Aufmarsch auf dem Marktplatz sah, traf sie bald der Schlag. Dass es so viele Sieder waren, für deren Kostüme sie nun verantwortlich war, das war ihr vorher nicht bewusst. Heute kennt sie jeden einzelnen. Vielen hat sie die kleine Siedersuniform angepasst und heute trägt er oder sie ein paar Nummern größer. Für die Tänzer, Musiker und Schützen ist sie die Kerstin. Am Pfingstsonntag bekommt sie jährlich von ihnen einen dicken Blumenstrauß überreicht. Am Mittag desselben Tages ehrt sie zusammen mit dem Oberbürgermeister die kleinen Sieder am Fischbrunnen.

Die Hosen passen

„Ding, dong“, die Türklingel ihres Ladens geht. Es ist eine Woche vor Pfingsten. Stefan Ebert, der stellvertretende Erste Hofbursche, kommt mit zwei Siederskollegen, die noch Hosen benötigen, herein. Sie verschwinden im hinteren Teil des Raumes, der Kleiderkammer, in der reihenweise Uniformen hängen. „Passen sie?“, fragt Kerstin Körner und schiebt ungeniert den Vorhang weg. Die schwarzen halblangen, umgenähten Wanderhosen passen den jungen Männern, die am Sonntag zum nachgestellten Mühlenbrand damit in den Kocher springen werden.

So ein Traditionsverein sei vor 20 Jahren noch bedeutsamer für die Akteure gewesen, stellt sie fest. „Damals gab es nicht so viele Vereine. Da waren die Sieder sehr fokussiert und haben sich stark mit ihrem Verein identifiziert.“ Für die Frau, die den Mitgliedern regelmäßig Stecknadeln in die Garderobe piekst, macht das kaum einen Unterschied. Sie bessert gestern wie heute verschlissene Jacken aus, ersetzt die Rüschen und Schürzen, die den Fackeltanz nicht ohne Brandflecken überstehen, und macht Hosen und Kleider enger oder weiter.

Die 54-Jährige hat ein großes Faible für alles, was glitzert und glimmert. Schon während ihrer Ausbildung in Stuttgart hat sie Kostüme für das Staatstheater hergestellt. Sie näht Kostüme für Hallia Venezia und steckt selber jeden Februar unter einer Maske. Barocke Kleider sind ihre größte kreative Freude. Also fertigt man im Atelier Kerstin Körner in der Marktstraße auch Kostüme für Living-History-Veranstaltungen an.

Selber bei den Siedern mitzumachen, kam für sie nie in Frage. Auch nicht, die Kostüme nach ihrem Geschmack zu verändern oder nur aus Spaß mal eins zu tragen, abgesehen davon, dass dahingehend strenge Regeln herrschen. „Ich bin stolz auf meine Arbeit bei den Siedern“, sagt sie. Und darauf, dass sie schon 20 Jahre dabei ist, auch wenn es immer mal Momente des Zweifelns gab, in der die Geschäftsfrau ans Aufhören dachte. Es fühle sich an wie das gute Gefühl nach einer langen Ehe, der man durch dick und dünn die Treue gehalten hat.

„Hier bleib ich nicht lange“

Kerstin Körner stammt aus Stuttgart. Nach dem Abitur machte sie eine Schneiderlehre beim „Modesalon Dietlinde“ in Bad Cannstatt. In München hängte sie eine Ausbildung in Schnittkonstruktion an und arbeitete anschließend bei einer Designerin. Ihr damaliger Mann fand Arbeit in Schwäbisch Hall, sodass sie Anfang der 90er-Jahre nach Hessental zogen. „Hier bleib ich nicht lange“, sagte die zweifache Mutter damals. Heute liebt sie die Stadt, die Siederstradition und ihren Laden in der Marktstraße. Mittlerweile ist die 54-Jährige geschieden und lebt mit ihrem neuen Partner in Ummenhofen. sasch

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