Fußball Ein Duell unter „Brüdern“

Denis Islic aus Kroatien und der russischstämmige Ivan Gofman fiebern dem WM-Viertelfinale ihrer Länder entgegen.
Denis Islic aus Kroatien und der russischstämmige Ivan Gofman fiebern dem WM-Viertelfinale ihrer Länder entgegen. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Viktor Taschner 06.07.2018
Denis Islic und Ivan Gofman wohnen in Hall. Beide drücken beim WM-Viertelfinale ihren Heimatländern Kroatien und Russland die Daumen.

Mach ruhig, wir sind ja slawische Brüdervölker“, sagt Denis Islic, der in eine große kroatische Fahne gehüllt ist, und lacht. Ivan Gofman legt seinen Arm um Islic’ Schultern für das Foto für die Zeitung. Beide Männer kennen sich bis zum Zeitpunkt nicht, aber sie haben keine Berührungsängste voreinander. So fair wie die Begegnung der beiden in Schwäbisch Hall wird hoffentlich auch das WM-Viertelfinale ablaufen, bei dem sich Russland und Kroatien am heutigen Samstagabend um 20 Uhr gegenüberstehen. „Mein bester Freund und Arbeitskollege ist Kroate. Wenn er langsam auf kroatisch spricht, dann verstehe ich es“, sagt Gofman. Genauso ergeht es auch Islic mit dem Russischen.

Nervenaufreibend ist das jeweilige Achtelfinale für beide gewesen. Ihre Teams haben sich erst im Elfmeterschießen für das Viertelfinale qualifiziert: Russland gegen Spanien und Kroatien gegen Dänemark. „Nach dem 1:1-Ausgleich gegen Spanien habe ich schon gedacht, dass wir es schaffen können.“ Beim Elfmeterschießen war Gofman die Ruhe selbst. „Ich war eiskalt. Wir haben nur einen Star, unseren Torwart Igor Akinfeew. Ich habe gewusst, dass er es schafft“, sagt Gofman zu seinen Gefühlen beim Elfmeterschießen. Er hat das Spiel daheim im Garten mit seinem Sohn und einem Freund verfolgt.

Die Nerven von Islic sind bei den Strafstößen hingegen angespannt gewesen. „Ich hatte eigentlich gar kein Gefühl mehr. In der Vergangenheit sind wir bei großen Turnieren im Elfmeterschießen schon ausgeschieden. Wir mussten das ganze Spiel lang zittern“, beschreibt Islic, dessen Familie aus der Nähe von Zagreb stammt. Das Match gegen Dänemark hat hin und her gewogt, beide Teams hätten gewinnen können, gibt Islic zu. Das Achtelfinale hat er – wie fast immer – beim Kulturverein „Croatia Club Schwäbisch Hall“ im Haller Haus der Vereine zusammen mit rund 40 Landsleuten angeschaut. „Gegen Dänemark ist uns das Bier ausgegangen. Wir diskutieren über die Spiele und trauern auch zusammen, wenn wir verlieren.“

Ivan Gofman freut sich, dass die Fußball-Weltmeisterschaft für den Gastgeber so positiv verläuft – nicht nur sportlich, sondern auch gesamtgesellschaftlich. „Die Leute hatten zum Beispiel Angst, dass es wegen der russischen Hooligans viele Schlägereien geben wird. Aber die Fans feiern seit Beginn ein fröhliches Fest.“ Auch Islic hat in den kroatischen Medien gelesen, wie gastfreundlich die kroatischen Schlachtenbummler in Russland behandelt werden. Gofman befürchtet aber beispielsweise, dass manche der teuren, neugebauten Stadien nach der WM leer bleiben werden, weil die dortigen Fußballclubs nicht gut genug sind, um viele Fans ins Stadion zu locken. „Dieses Phänomen sieht man ja jetzt auch in Brasilien vier Jahre nach der WM dort“, erklärt Gofman.

Und wer gewinnt nun das Duell der Brüder? „Jede Mannschaft hat ein schlechtes Spiel bei einem Turnier. Kroatien hat jetzt schon seine schlechte Partie gegen Dänemark gehabt. Ein zweites schlechtes Spiel werden sie nicht mehr machen“, sagt Ivan Gofman etwas pessimistisch.

Die Kroaten hätten eigentlich die stärkere Mannschaft, allerdings habe Russland den Heimvorteil. „Und gegen Spanien haben wir ein Eigentor geschossen und selbst nur einen Torschuss gehabt, aber trotzdem gewonnen“, schmunzelt Gofman und hofft wieder auf die Effizienz des russischen Teams. Je länger die Partie ausgeglichen sei, desto größer würden die Chancen der Russen, glaubt Gofman, der sich das Spiel wohl wieder daheim anschauen wird.

Gedanken an die WM 1998

Denis Islic wird das Spiel wieder im kroatischen Verein verfolgen. „Das Spielerische bei Kroatien ist das eine, aber die Mentalität der Russen das andere“, beschreibt Islic seine zwiespältigen Gefühle. Er hat viel Respekt vor der Geschlossenheit und Kampfstärke des Gegners. Der Kroate hofft, dass seine Mannschaft an die legendäre Truppe der WM 1998 anknüpfen oder sie sogar übertrumpfen kann, als Kroatien Dritter wurde – der größte Erfolg des Balkanlands, das nur vier Millionen Einwohner hat.

Seit 2004 in Schwäbisch Hall

Ivan Gofman kam 1982 in der Sowjetunion auf die Welt. Sein Geburtsort Semipalatinsk gehört heute zu Kasachstan. Gofman spielte in seiner alten Heimat Fußball als Torhüter. 2004 zog er mit seiner Frau als Aussiedler nach Deutschland. Sein Sohn ist elf Jahre alt und spielt ebenfalls als Torhüter beim SC Steinbach. Dort hilft Gofman auch als Jugendtrainer aus. Der gelernte Zahntechniker arbeitet als Lagerist in Crailsheim. 

Hier geboren und aufgewachsen

Denis Islic ist 1980 in Schwäbisch Hall geboren und auch aufgewachsen. Mit dem Fußball hat er 1990 angefangen und bis 2006 bei mehreren Vereinen im Haller Raum gespielt. Seit vier Jahren engagiert er sich als Jugendtrainer bei der SSV Schwäbisch Hall. Islic ist verheiratet und hat eine elfjährige Tochter und einen neunjährigen Sohn. Der Kroate arbeitet in der Qualitätssicherung bei Recaro in Schwäbisch Hall.

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