Schwäbisch Hall Ein Alt-Rocker huldigt jazzend dem Swing

Andreas Kissenbeck (Klavier), Nina Michelle (Gesang), Claus Koch (Saxofon) und Pete York (Schlagzeug) in der Haller Hospitalkirche.
Andreas Kissenbeck (Klavier), Nina Michelle (Gesang), Claus Koch (Saxofon) und Pete York (Schlagzeug) in der Haller Hospitalkirche. © Foto: Hans Kumpf
Schwäbisch Hall / Hans Kumpf 19.09.2018
Der Schlagzeuger Pete York eröffnet mit seinem Quartett in der Hospitalkirche unterhaltend und beschwingt die Britischen Kulturwochen Schwäbisch Hall. Etwa 140 Konzertbesucher hören zu.

Very British“ ist der Humor des Schlagzeugers Pete York fürwahr. Weltweite Berühmtheit erlangte der mittlerweile 76-Jährige durch die 1963 gegründete „Spencer Davis Group“ („Keep On Running“), später siedelte der smarte Engländer der Liebe wegen nach Bayern um. Auch hierzulande ist dem Weltmenschen der Spaß nicht vergangen – trotz Brexit-Drohung.

Vor der Musik ergriff jedoch bei der Eröffnungsveranstaltung der ausgedehnten Reihe „Very British – Britische Kulturwochen Schwäbisch Hall“ Hermann-Josef Pelgrim das Wort. Der Oberbürgermeister, übrigens reguläres Mitglied des mitveranstaltenden Jazzclubs, beklagte in seiner Rede das Auseinanderdriften Europas, beschwörte die „gemeinsamen Werte, insbesondere der Kultur“ und lobte das „ambitionierte Projekt“ der Kulturbeauftragten Ute Christine Berger.

Populär in Deutschland wurde Pete York spätestens vor drei Jahrzehnten, als er in seiner vom Süddeutschen Rundfunk produzierten Reihe „Super Drumming“ stilübergreifend mit Schlagzeuger-Kollegen kooperierte. Der rüstige Alt-Rocker huldigte in Hall nun ausgiebig der Swing-Ära und ließ besonders Duke Ellington und Count Basie aufleben. Sein aktuelles Jazzquartett nennt Pete York „Spangalang“ – eine klangmalerische Verbalisierung des Spiels auf den Schlagzeug-Becken, wie er seinem begeisterten Publikum erklärte.

Flügel statt Hammond-Orgel

Die Combo kam in Hall ohne groovendes Bassinstrument aus. Andreas Kissenbeck wurde eigentlich als Hammond-Organist angekündigt, und da hätte er mit den Pedalen die rhythmisch-harmonische Tiefenarbeit übernehmen können. Doch nun beschränkte sich der an der Musikhochschule München lehrende Professor auf den in der Hospitalkirche vorhandenen Steinway-Flügel. Und hier ging der gewiefte Tastenmann gerne blockakkordisch vor, ohne akademische Abstraktionen zu verschmähen.

Lediglich mit seinem Tenorsaxofon war der aus dem Westerwald stammende Claus Koch angereist. Er bewältigte seinen Part sehr routiniert, blies flüssig und gewandt. Von ihm gab es freilich keine Klarinettentöne, als in der Zugabe Benny Goodmans „Sing, Sing, Sing“ intoniert wurde. Aber Pete York orientierte sich bei dem Hit vom „King of Swing“ natürlich an dessen legendärem Drummer Gene Krupa, den der Brite als Zwölfjähriger noch live hören konnte, und ließ wie sein Vorbild beredt die „talking drums“ sprechen. Pete York erinnerte sich in seinem englisch-deutschen Kauderwelsch genauestens: „He was schwitzing a lot!“

Nicht nur einen optischen Farbtupfer gab die beherzte Vokalistin Nina Michelle ab. Die in der bayerischen Landeshauptstadt ansässige Kanadierin verfügt mit ihrem Mezzosopran über ein angenehmes Timbre, klingt zuweilen dezent raukehlig, dosiert das Vibrato elegant und vermag nach den textlichen Themenvorträgen auch improvisatorisch zu scatten, also ohne Worte zu singen – in Erinnerung an die unübertreffliche Ella Fitzgerald.

„How High The Moon“ könnte eine Schnulze sein, doch Tradition ist bereits, dass Jazzer die auf den gleichen Harmonien basierende Komposition „Ornithology“ von Charlie Parker in das Stück integrieren. So bewerkstelligten es auch die Sängerin und der Tenorist, wobei sie unisono im aberwitzigen Tempo fein phrasierten.

Je später der Abend, desto zahlreicher präsentierte sich Pete York als bestechender Solist. Auf seinem Drumset zauberte er geradezu akrobatisch komplexe Polyrhythmen – ohne dass er zu einer dröhnenden Schießbudenfigur verkam. Nicht jeder Schlagzeuger kann mit der Lautstärke haushalten. Zudem betätigte sich der erfahrene Entertainer gesang­lich.

Die 140 Besucher quittierten die Improvisationsbeiträge der Quartettmitglieder immer wieder mit johlendem Zwischenapplaus. Auf rührselige Balladen wurde verzichtet, viele Stücke besaßen drive und swing. Schließlich befindet sich auch Ellingtons „It Don’t Mean A Thing, If It Ain’t Got That Swing” im Repertoire.

Info

Im nächsten Konzert der Reihe „Jazztime“ tritt am 22. September der Schweizer Stimmkünstler Andreas Schaerer mit einem All-Star-Quartett in der Hospitalkiche auf.

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