Bibersfeld Ehrwürdiger Wagen für die Toten

Die restaurierte Leichenkutsche steht hinter einer Scheibe im Gebäude des Werkhofs am Bibersfelder Friedhof. Der ehrwürdige Wagen ist auch von draußen sichtbar.
Die restaurierte Leichenkutsche steht hinter einer Scheibe im Gebäude des Werkhofs am Bibersfelder Friedhof. Der ehrwürdige Wagen ist auch von draußen sichtbar. © Foto: Sybille Munz
Bibersfeld / SYBILLE MUNZ 27.11.2014
Mit dem Wagen wurden einst Tote zum Friedhof gebracht: In Bibersfeld wurde die Leichenkutsche restauriert. Paul Stutz erzählte bei der Präsentation von 500 Beerdigungen, die er als Totengräber begleitet hat.

Schon nach wenigen Minuten kriecht eisige Kälte die Beine hinauf. Die eben noch angenehm warmen Hände schlüpfen verstohlen in die Manteltasche. Der Blick fällt auf ein winziges Plätzchen, an dem letzte Sonnenstrahlen einen Hauch Wärme verbreiten. Schnell an drei Gräbern vorbei, um an einem verwitterten Grabstein die untergehende Sonne einzufangen. Der Posaunenchor Bibersfeld spielt zur Präsentation der ehemaligen Leichenkutsche. Die Gäste lauschen dem getragenen Klang.

Die meist älteren Besucher finden sich vor dem Werkhofgebäude ein - viele erprobt durch die traurige Pflicht, das letzte Geleit zu geben. Ein paar Kinder im Grundschulalter blicken fragend zu ihren Eltern. Eigentlich wäre die schwarze Katze, die gerade durch die Gräberreihen schleicht, viel interessanter. Die Aufmerksamkeit der Eltern ist auf die große Glasfront am Holzgebäude gerichtet.

Totengräber hat 500 Beerdigungen begleitet

Hinter der Scheibe steht ein schwarzes Gefährt, zwei Grabsteine davor. Kerzen brennen. Ein Lorbeerkranz hängt mittig an der Kutsche, schwarze Vorhänge mit silberfarbenen Kordeln bekleiden die Seitenwände. "Ja, es gibt sie noch!" Ute Fritz, Ortsvorsteherin in Bibersfeld, kehrt der schwarzen Kutsche den Rücken zu. Der Wagen wurde aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Er ist schwarzglänzend, wirkt edel und chic. Darf man das über ein Gefährt sagen, das als einzige Bestimmung den Transport von Toten hatte?

"Auf die innere Haltung kommt es an. Und die habe ich immer gehabt", sagt Paul Stutz. Fast 500 Beerdigungen hat der 87-Jährige als Totengräber begleitet. Mit Leib und Seele ist er seinem Beruf nachgegangen. "Das Vaterunser hab ich gebetet mit de Leut'", erzählt er. Kinder und Selbstmörder zu beerdigen sei das Schlimmste gewesen. Sind es die Erinnerungen, die ihm eine Träne in den Augenwinkel treiben, oder die feuchte Kälte, die sich langsam auf dem Friedhof breitmacht?

"Nun, Tor des Friedens, öffne dich! Hinein! Hier schließt die Wallfahrt sich. Ihr Schlafenden im Friedensreich, gönnt allzugleich dem Staub ein Räumlein neben euch!" Hanna Mugler kann sich gut an den Text des Liedes erinnern, den der Leichenchor vorgetragen hat.

Die 78-Jährige war eines von etwa zehn Mädchen, das im zweistimmigen Chor mitgesungen hat. "Der Verstorbene wurde zuhause abgeholt, da haben wir vor dem Haus gesungen. Beim Gang zum Friedhof liefen wir vor der Kutsche und dann wurde am Friedhof nochmal gesungen", erzählt die Bibersfelderin.

Bevor in den 1970er-Jahren die Leichenhalle gebaut wurde, wurden die Verstorbenen daheim aufgebahrt. Junge Mädchen und Frauen aus der Nachbarschaft übernahmen das Waschen des Verstorbenen, bevor dieser in einen schwarzen Fichtensarg gelegt wurde. Am Beerdigungstag wurde der Sarg mit Blumen geschmückt, der Pfarrer kam zur Aussegnung ins Trauerhaus. Der Sarg wurde auf den mit Pferden gespannten Leichenwagen gehoben. Voraus ging der Mädchenchor, dann kam die Kutsche, direkt dahinter der Pfarrer. Ihm folgten die nächsten Angehörigen, Verwandte, Freunde, Nachbarn und schließlich Bekannte - je nach Geschlecht des Toten zuerst die Männer oder die Frauen.

Läutebuben geben mit Taschentüchern Signal zum Läuten

"50 Pfennig haben wir manchmal für's Singen bekommen", erinnert sich Lore Stutz (83), die als junges Mädchen im Leichenchor mitgewirkt hat. "Ich hatte eine Alt-Stimme und musste deshalb immer direkt vor den Pferden laufen. Wenn die unruhig wurden, hab ich meinen Mädchen gesagt, sie sollen ein bisschen schneller laufen. Seitdem hab' ich Respekt vor den Tieren", erzählt die Ehefrau von Paul Stutz.

Viele Gespräche hat Ute Fritz im Vorfeld geführt. Viele Erinnerungen sind dabei wieder zutage gekommen. Die Beerdigungen von jungen Gemeindemitgliedern sei vielen noch im Gedächtnis. "Weischt noch, der Sohn damals, des war schlimm." Die Gedanken schweifen in die Vergangenheit, an längst vergessene Bräuche wird gedacht. Wer kennt heute noch die Läutebuben? Mit weißen Taschentüchern gaben sie das Zeichen, wann die Glocken geläutet werden mussten. Damals durfte ein verheirateter Verstorbener nur von vier verheirateten Nachbarn getragen werden. In der Wirtschaft traf man sich zum einfachen Leichenschmaus. Es gab Leichenwecken, Weißbrot sowie rote Würste und Bier. Pietätloser Umgang mit Verstorbenen? "Sowas hat's in unserer Zeit nicht gegeben", sagt eine Besucherin mit Blick auf die ehrwürdige alte Kutsche.

Wie sieht er aus, der eigene letzte Weg? Gepresst in einen Diamanten? Anonym in einem Waldstück? Verbrannt in einer Urne? Im Meer verstreut durch alle Winde? Die innere Ruhe des Totengräbers Paul Stutz lässt den Wunsch aufkommen, von zwei Pferden in einer schwarzen Kutsche zur letzten Ruhestätte gefahren zu werden. Vielleicht verirrt sich auch dort an einem kalten Novembernachmittag ein Sonnenstrahl an ein besonderes Plätzchen und spendet tröstende Wärme.

Info Die Bibersfelder Leichenkutsche steht im ehemaligen Werkhofgebäude des Friedhofs Bibersfeld. Die Restaurationsarbeiten wurden ehrenamtlich ausgeführt, die Materialkosten werden aus dem Teilortsbudget bestritten.

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