Eigentlich ist es bei der Württembergischen Landesbühne Esslingen nicht üblich, ein Remake von Stücken zu machen, die in früheren Jahren inszeniert wurden“, erklärt Marcus Grube, seit dieser Spielzeit Theaterleiter zusammen mit Friedrich Schirmer. Vor 30 Jahren, als das Stück „Die barmherzigen Leut’ von Martinsried“ entstand, „lebten wir in einer anderen Zeit“, so Grube. „Heute können wir nicht mehr so sicher sein, dass es so etwas nie wieder geben wird. Ob Menschen in Viehwaggons oder auf Schlauchbooten – die Geschichte ist nicht neu.“

Johanna Roth aus Eckartshausen, die am Rande der Spielplanvorstellung der WLB in Ilshofen mit den Theaterleuten ins Gespräch kam, pflichtet ihm bei: „In der Zwischenzeit haben wir die AfD, da ist es noch wichtiger, dass diese Geschichte wieder aufgegriffen wird und nicht in Vergessenheit gerät.“ Das Stück wird am 15. Februar in Ilshofen gespielt.

Zeitzeuge wider das Vergessen

Die 84-Jährige ist die Witwe von Hans Roth, dem Sohn des damaligen Bürgermeisters von Eckartshausen. Als Zeitzeuge kämpfte er gegen das Verschweigen und Vergessen dieser Begebenheit in seinem Heimatort an. Mit einem eindringlichen Leserbrief, den Hans Roth im Februar 1984 im Haller Tagblatt veröffentlichte, machte er Oliver Storz auf die Geschichte aufmerksam. Der in Hall aufgewachsene Autor und Filmemacher recherchierte bereits für seinen Roman „Die Nebelkinder“ zu Kriegsereignissen im Umkreis seiner Heimatstadt.

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„Die Fakten sind spärlich. Historisch belegt ist nur so viel: Im Frühjahr 1945, nicht lange vor dem Eintreffen der amerikanischen Truppen, standen im Bahnhofsgelände einer kleinen schwäbischen Ortschaft drei verriegelte Viehwaggons voller eng zusammengepferchter Menschen.“ So beginnt eine Stellungnahme von Storz zu den Ereignissen in Eckartshausen, aus denen er zusammen mit der Württembergischen Landesbühne und ihrem damaligen – wie heutigen – Intendanten Friedrich Schirmer das 1989 in Esslingen uraufgeführte Theaterstück „Die barmherzigen Leut’ von Martinsried“ und 1995 den vielbeachteten Spielfilm „Drei Tage im April“ entwickelte.

Aus Angst vor der NS-Obrigkeit haben sich die Bewohner von Eckartshausen nicht getraut, die Waggons zu öffnen und die Menschen freizulassen. Erst auf Initiative von Karl Roth, Bürgermeister, Gastwirt und Vater von Hans Roth, brachten sie den vor Hunger und Durst schreienden Menschen Wasser und gekochte Kartoffeln. Die Waggons schoben dann mehrere ältere Männer – die jüngeren waren im Krieg – bei Nacht und Nebel auf die leicht abschüssige Strecke nach Sulzdorf. Bis vier Uhr morgens seien die Männer unterwegs gewesen, um von Hand die Eisenbahnwagen mit den rund 300 KZ-Häftlingen bis Sulzdorf zu schieben, berichtet Johanna Roth. Danach verlieren sich die historisch belegbaren Spuren der Gefangenen.

Emma, die Mutter von Hans, habe überlegt, die Waggons aufzumachen. „Wir hatten doch Angst, die Menschen könnten ansteckende Krankheiten haben“, zitiert Johanna Roth die Schwester ihres Mannes, die sich damals zwar um die Menschen in den Wagen gekümmert hat, aber auch nicht gewagt hat, sie zu befreien. Die Gastwirtstochter ist quasi Vorlage für die Figur der Anna im Stück, jetzt gespielt von Nathalie Imboden. Zusammen mit ihrem Schauspielkollegen Marcus Michalski, der den NS-Parteifunktionär Vollmer verkörpert, kam sie zur Vorstellung des neuen Spielplans nach Ilshofen.

Marcus Grube, der für seine Inszenierung die örtlichen Gegebenheiten sehen wollte, fand in Eckartshausen die Bahngleise und den renovierten Bahnhof, nicht aber den längst abgerissenen Gasthof der Familie Roth. Zeitzeugen konnte Grube nicht ausfindig machen. Umso mehr freute er sich, Johanna Roth kennenzulernen. Die berichtete, wie ihr Mann nach Esslingen gefahren ist, um Schauspielern der Landesbühne seine Erinnerungen an die Ereignisse vom April 1945 zu schildern. Das Interview mit ihm liegt Grube zusammen mit dem Lesebrief von Hans Roth als Unterlage für die Regiearbeit vor.

Intendant will wiederkommen

„Hier in der Gegend hat man es meinem Mann sehr übel genommen, dass er mit den Schauspielern darüber gesprochen hat“, erinnert sich Johanna Roth. Immer wieder seien die Geschichte und ihre Verarbeitung zu Theaterstück und Film Gesprächsthema im Ort und in der Familie gewesen. Intendant Grube will in diesen Tagen erneut Kontakt mit Johanna Roth aufnehmen, um noch intensiver mit ihr über ihre Erinnerungen zu sprechen.

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Der Bericht über die Einführung in die anstehenden Theaterstücke folgt in einer der nächsten Ausgaben.