Sucht Drogenkontaktladen: Neuer Leiter fehlt noch

Wolfram Kaier hat einst das Angebot gegründet.
Wolfram Kaier hat einst das Angebot gegründet. © Foto: Archiv/mw
Schwäbisch Hall / Tobias Würth 17.06.2017
Der katholische Seelsorger Wolfram Kaier geht im Herbst in den Ruhestand. Die Kirche arbeitet an einer Nachfolgeregelung. Eine erste Ausschreibung verlief erfolglos.

Wenn ich das den Schülern nur erzähle, nützt es nicht“, berichtet der ehemalige evangelische Pfarrer von Ottendorf, Heinz Brenner (76). Als aktiver Schulbegleiter weiß er, was bei den Jugendlichen wirkt. Und das ist das Gespräch mit einem echten Drogensüchtigen und Helfern, die mit diesen Menschen zu tun haben.

Und da sind bisher Wolfram Kaier und sein Team die Anlaufstelle am Haller Säumarkt. „Am Anfang sagen die Schüler: Dann sollen die Süchtigen doch an den Drogen kaputtgehen“, berichtet Brenner. „Dann fahre ich mit den Schülern in den Kontaktladen.“ Danach seien sie geheilt: Das Bewusstsein für die Schicksale der Süchtigen sei gestärkt und der ein oder andere würde vielleicht beschließen, sich von Drogen fernzuhalten. Das sei Präventionsarbeit, die unbezahlbar sei, meint der Theologe Brenner.

Nur ein Bewerber

Doch genau diese Hilfe steht nun auf der Kippe, falls in den nächsten Monaten nichts geschieht. „Wegen des neuen Gesetzes zur Rente muss ich sechs Monate über meinen 65. Geburtstag hinaus arbeiten. Im Oktober ist der offizielle Termin für meinen Ruhestand“, sagt der katholische Pastoralreferent Wolfram Kaier, der als Seelsorger Menschen jeglichen Glaubens oder ganz ohne Religionszugehörigkeit berät. Tatsächlich sei er wegen seines Urlaubs nur noch zwei Monate vor Ort.

Für den einen Teil seiner Arbeit wurde ein Nachfolger gesucht.  Es hat sich aber nur eine Person beworben, die abgelehnt wurde.  Gesucht wird ein studierter Theologe oder ein Diakon mit theologischer Ausbildung. Kaier möchte sich zu dem Besetzungsverfahren nicht äußern. Das sei Aufgabe seines Arbeitgebers.

„Hall ist zwar eine schöne Stadt, liegt aber am Rand der Diözese“, erläutert der Medienpreisträger Kaier. Auch er selbst habe, als er 1985 als Gefängnisseelsorger in Hall anfing, gedacht, in der hintersten Provinz gelandet zu sein.

In der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist die fürs Personal zuständige Mitarbeiterin im Urlaub, sodass auf eine HT-Anfrage erst in zwei Wochen geantwortet werden kann.

Sowohl Diözese als auch Gesamtkirchengemeinde sind zuständig. Und hier liegt schon ein kleines Problem für einen möglichen Bewerber. Die Position als Leiter des Drogenkontaktladens ist als 50-Prozent-Stelle ausgeschrieben, was sie nicht attraktiv macht. Zudem kommt eine halbe Stelle dazu, die von der Gesamtkirchengemeinde beschlossen, aber noch nicht ausgeschrieben ist. Mit der soll die Arbeit eines Seelsorgers  vergütet werden.

„Die Gesamtkirchengemeinde hat 30 000 Euro pro Jahr gesetzt. Das ist schon viel Geld“, argumentiert Thomas Hertlein, leitender Pfarrer. Das sei ein klares Zeichen dafür, dass die Arbeit einen hohen Stellenwert einnehme. Derzeit werde über eine Kooperation mit der Caritas verhandelt. „Die Dinge drängen“, sagt Hertlein. Demnächst werde auch dieser Teil der Stelle von Kaier ausgeschrieben.

Kaier betont die Wichtigkeit des Drogenkontaktladens, der durch acht Ehrenamtliche verstärkt wird: „Wir haben das einzige Angebot dieser Art weit und breit.“ Während bei anderen Beratungsstellen Drogenabhängige dazu gebracht werden sollen, Therapien zu machen, fängt die katholische Drogenseelsorge die Menschen auch dann auf, wenn gar nichts mehr geht (siehe Info). Kaier: „Mir geht es auch um die Kirche als solche. Der Bischof fordert ja, dass wir nahe beim Menschen sind. Was sonntags in der Kirche gepredigt wird, setzen wirwerktags um.“

Hilfe für Menschen, die sich aufgegeben haben

Einige Jugendliche starten ab 14 Jahren mit Rauchen, Saufen und Kiffen. Eine typische Karriere eines Süchtigen setze sich mit allen möglichen Drogen fort. „Am Anfang ist es ein Abenteuerleben. Es ist attraktiv, etwas Verbotenes zu tun“, berichtet Drogenseelsorger Wolfram Kaier. Es folgten Probleme. Die Eltern würden belogen und beklaut. Er kennt das, da er Eltern begleitet. Die jungen Drogensüchtigen müssen oft ausziehen. Heroin komme zum Schluss. „Am Anfang sagen viele: Ich schnupfe es ja nur“, berichtet Kaier. Bis es doch gespritzt wird.

Neue Drogen seien ein großes Problem. Derzeit würden Kräutermischungen („legal highs“) übers Internet verkauft. „Das ist etwas ganz Gemeines. Man weiß nicht, was drin ist. Selbst erfahrene Junkies kommen in die Notaufnahme.“

Ein Mysterium würde nicht ausgeräumt, sagt Kaier. „Ich bin schon lange im Geschäft, wenn man so sagen will. Das Geheimnis ist für mich geblieben: Was bringt einen Menschen zur Sucht? Er kennt keine Grenzen mehr.“ Von harten Drogen losgekommen sei noch keiner. „Das habe ich noch nicht erlebt“, sagt Kaier. Was vorkomme: Das Substitutionsprogramm ermögliche ein geordnetes Leben. Der Begriff „Clean werden“ sei irreführend.

Seit dem Jahr 2000 gibt es den Drogenkontaktladen am Säumarkt, der von der katholischen Kirche finanziert wird. Rund 20 Junkies werden erreicht. Bevor Kaier den Kontaktladen gründete, war er Gefängnisseelsorger und hat dort Drogensucht erlebt.

Im Kontaktladen wird jeder Person geholfen, auch wenn sie gerade eine Therapie abgebrochen hat. Es werden Spritzen und Sterilgut sowie Lösungsmittel für Drogen ausgegeben. Das wird mitunter kritisiert als Förderung der Sucht. Wolfram Kaier entgegnet: „Das kläre ich immer gerne auf: Jeder lebende Junkie ist uns lieber als ein toter.“ Viele Süchtige würden auch zum Arzt geschickt, weil sie nicht wagen, dort hinzugehen. Das Vertrauen, das die Junkies, die sich selbst als „Abfall“ (englisch: Junk) bezeichnen, zu Kaier und seinen Mitarbeitern fassen, kann hilfreich sein. „Wenn wir merken, dass jemand abdriftet, können wir ihm einen Tipp geben.“ In den Drogenkontaktladen kommen Menschen, die sich selbst aufgegeben haben. Es gelte, ihnen den Glauben an sich zu vermitteln. tob

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