Im Zeitraum zwischen September 2017 und April 2018 hat sich der angeklagte Dorgendealer sechsmal mit einem 15-jährigen Jungen beim Haller ZOB getroffen. Er verkaufte dem Schüler einer Haller Gemeinschaftsschule bei der überdachten Haltestelle jeweils ein Tütchen mit zehn Gramm Marihuana für 100 Euro. Die Treffen wurden per Handy verabredet. Der Schüler kannte nur den Vornamen seines Lieferanten.

Weil es genügend Nachfrage an seiner Schule gab, verkaufte der 15-Jährige das „Gras“ zum großen Teil weiter. Als die Schulleitung davon erfuhr, schaltete sie die Polizei ein. Der jugendliche Kleindealer war geständig. Er beschrieb seinen Verkäufer bis hin zu dessen Narben an den Armen und am Hals. Erst sehr viel später legten Beamte ihm Fotos vor. Der Schüler tippte auf das Gesicht eines bisher unbescholtenen Asylbewerbers aus Afghanistan. Es stellte sich heraus: Der Vorname passte. Der gesuchte Verkäufer vom ZOB war ermittelt. Der Mann war im Herbst 2015 in Deutschland ohne Papiere angekommen und registriert worden. Bei der Erstaufnahme gab er an: Herkunftsland Afghanistan, Geburtsjahr 1995.

Dealer sagt, er habe drei Klassen übersprungen

Die Polizei ließ sich für die Verhaftung des Mannes, der eine Arbeitserlaubnis hatte, viel Zeit. Es geschah erst im März 2019. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete er als Küchenhilfe in einer Gaststätte im Haller Umkreis. In Untermünkheim bewohnte er ein Zimmer.

Wenn ein Erwachsener unerlaubt Drogen an einen Minderjährigen abgibt, begeht er nach deutschen Recht ein Verbrechen. Laut Anklage war der Afghane 22 Jahre alt, als er dem Schüler das Marihuana verschaffte. In der stundenlangen Verhandlung vor dem Haller Schöffengericht aber kämpft der aus dem Gefängnis vorgeführte Mann um eine Änderung seines Geburtsjahres.

Unterstützt von seiner Verteidigerin Anna Göbel (Crailsheim), beharrt er darauf, er habe bei der Einreise ein falsches Geburtsjahr angegeben. Er sei erst 1997 geboren worden. Überraschend erklärt er, in der afghanischen Schule habe er zunächst eine Grundschulklasse und später vor dem Abitur noch mal zwei Klassen übersprungen.

Drei Klassen zu überspringen, das sei ja „bombig“, kommentiert Richter Sven Güttner. An der Intelligenz des Mannes aber gibt es keinen Zweifel. Er spricht auffallend gut Deutsch. Der Dolmetscher für die „Dari“-Sprache kommt kaum zu Wort.

Wäre der Angeklagte zum Zeitpunkt der Marihuana-Verkäufe noch keine 21 Jahre alt gewesen, wäre ein Jugendgericht zuständig. Der Anklagevorwurf würde erheblich abgeschwächt. Bei seinen Erklärungen aber verwickelt sich der Beschuldigte immer mehr in deutliche Widersprüche. Auch Staatsanwalt Lukas Zanzinger nimmt ihm sein neues Geburtsjahr 1997 nicht ab: „Dann wären Sie beim Abitur-Abschluss 15 Jahre alt gewesen.“ Verteidigerin Göbel aber möchte das Gericht überzeugen: „Es gibt kein behördliches Dokument, aus dem sich das Alter meines Mandanten ergibt.“ Sie fordert, das Verfahren einem Jugendschöffengericht zuzuweisen. Außerdem solle der Haftbefehl aufgehoben werden.

Der Angeklagte hat kein Geständnis abgelegt

Obwohl Marihuana eine sogenannte weiche Droge und die gelieferte Menge von insgesamt 60 Gramm überschaubar ist, sieht Staatsanwalt Zanzinger keinen „minder schweren Fall“. Weil der Angeklagte überdies „gewerbsmäßig“ gehandelt habe, fordert Zanzinger eine Haftstrafe von drei Jahren. Das Gericht bleibt mit zwei Jahren und acht Monaten knapp darunter.

Es folgt der Argumentation des Staatsanwaltes: Der Angeklagte sei sicher mindestens 21 Jahre alt gewesen, als er sich das erste Mal mit seinem jugendlichen Abnehmer beim Haller ZOB getroffen habe. Richter Güttner fügt an, dass ein Geständnis wahrscheinlich zu einer milderen Strafe geführt hätte.

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