An einem Apriltag 2018 krachte es frühmorgens in der Innenstadt von Vellberg dreimal nacheinander. Ein BMW, in dem drei betrunkene junge Männer saßen, prallte zunächst auf zwei abgestellte Autos und dann gegen eine Mauer. Bis heute ist die wichtige Frage, wer das Auto gesteuert hat, offen. Das Haller Amtsgericht bemühte sich jetzt vergeblich, die Wahrheit herauszufinden.

Bereitwillig berichtet der 25-jährige Angeklagte (A.) in der Verhandlung von der tollkühnen Fahrt zu dritt in der Tatnacht. Aber gleich zu Beginn sagt er: „Gefahren bin ich nicht. Ich saß hinten in der Mitte.“ A. schiebt die Schuld auf den zweiten Insassen, einen langjährigen Freund. Als dieser Freund etwas später als Zeuge in den Saal gerufen wird, geht die Tür nicht auf. Der Mann bleibt unentschuldigt aus. Der dritte Insasse, dem der 3er BMW gehörte, ist überraschend gar nicht geladen worden.

Drogenkonsument ohne Schein

A. ist schmal gebaut und trägt eine markante Brille. Sein blondes Haar ist streng zurückgekämmt. Der in Kasachstan geborene Mann hat keinen Führerschein. Er ist langjähriger Drogenkonsument. Bevor er mit seinen beiden Kumpels in der Nacht zum 28. April von Obersontheim nach Ellwangen und zurück bis Vellberg fuhr, hatte er zusammen mit den anderen kräftig Bier und Wodka getankt. Als der BMW in Schlangenlinien durch die Landschaft fuhr, alarmierte ein Verkehrsteilnehmer die Polizei. Er war zudem verärgert, weil ihm mindestens einer der drei Insassen den gestreckten Mittelfinger gezeigt hatte.

Ein Streifenwagen begann sofort mit der Suche und holte den BMW, der ohne Nummernschild unterwegs war, wenig später fast ein. Jetzt wurde es noch gefährlicher. Der verfolgte Fahrer gab Gas. In einer Kurve vor Vellberg geriet er auf die Gegenspur. Ein 51-jähriger Autofahrer aus Vellberg konnte dem BMW nur knapp ausweichen. Als Zeuge schildert er: „Der ist fast auf zwei Rädern dahergeflogen gekommen!“

Nach dem Aufprall auf zwei geparkte Autos endete die Fahrt des Trios an einer Vellberger Mauer. A. und sein Freund flohen zu Fuß über eine Wiese. Zwei Polizeibeamte setzten ihnen nach. Auf Russisch rief A. dem Freund zu, er solle nichts sagen. Als er festgenommen wurde, strampelte er wie wild und bespuckte die Beamten. Dabei wollte er ihnen weismachen, er sei als „Jogger“ zum Frühsport auf der Wiese. Dann schrie er sie als „Arschlöcher“ an.

Das Gericht vernimmt viele Zeugen. Keiner von ihnen, auch nicht die beteiligten Polizeibeamten, kann sicher sagen, dass A. den BMW gesteuert habe. Der Fahrer soll blond gewesen sein. Das trifft auf A. zu, nicht auf seinen Freund. Der dritte Insasse, auch blond, schlief fest auf dem Beifahrersitz, als das Auto in Vellberg gegen die Mauer gefahren war. Er scheidet nach Ansicht der Polizei als Fahrer aus. Obwohl manches gegen den mehrfach vorbestraften 25-Jährigen spricht, ist die Beweislage „dünn“. Auf Antrag des Staatsanwalts stellt das Gericht diesen Tatkomplex ein. Ungeschoren kommt A. aber nicht davon. Er hat die Polizeibeamten beleidigt und sich widersetzt. Das Gericht verhängt eine Geldstrafe von 1800 Euro (120 Tagessätze zu 15 Euro) und räumt Ratenzahlung ein.

Angesichts dieses Prozessverlaufs zeigt sich eine Zuhörerin aus Vellberg enttäuscht. Ihr Auto hat durch den Aufprall des BMW an jenem Morgen einen Totalschaden erlitten. Die 29-jährige Erzieherin: „Ich musste mir ein neues Auto kaufen.“ Der Schaden wurde auf 8000 Euro geschätzt. Der BMW des betrunkenen Trios war abgemeldet, also nicht versichert. Die Frau schaltete bisher vergeblich einen Anwalt ein: „Ich habe keinen Cent gesehen.“

Geschädigte gehen leer aus

Auch der Vellberger Busfahrer, dessen privater SUV schwer beschädigt wurde, ist bisher auf seinem Schaden sitzen geblieben. Die Chancen, A. nun in einem Zivilprozess als Fahrer zu überführen und haftbar zu machen, stehen schlecht. Erfolgreich hat das Trio – mit A. an der Spitze – nach der kriminellen Autofahrt verschleiert, wer am Steuer saß. Mit einem Unterton von Anerkennung sagt ein Polizeibeamter als Zeuge über den 25-Jährigen: „Er war hochprofessionell.“

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