Auf dem Marktplatz stehen sich zwei Gruppen gegenüber: Deutsche, die vor Jahren aus Russland oder Kasachstan ausgewandert sind. Sie haben die sogenannte Friedensdemo "gegen Gewalt an Frauen und Kindern" angemeldet. Ihnen gegenüber stehen Bürger, die gegen diese Kundgebung demonstrieren.

Früher habe sie selbst Russlanddeutsche unterrichtet, "ich habe viel Verständnis für sie gehabt", erzählt eine Lehrerin auf dem Marktplatz. Nun, da Russlanddeutsche "gegen Gewalt an Frauen und Kindern" demonstrieren, möchte die Frau wissen, "warum sie das tun". Sie weiß oder ahnt, dass die Demonstranten die deutsche Flüchtlingspolitik verurteilen, dass sie, die Demonstranten, laut eigener Aussage "nicht gegen Flüchtlinge" sind, aber gegen jene, die Kriminalität ins Land bringen könnten.

"Ich verstehe nicht, warum die Leute demonstrieren, die müssten genauso offen sein für Flüchtlinge. Wir haben die Russlanddeutschen aufgenommen, und sie kamen nicht aus einem Kriegsgebiet wie die Flüchtlinge jetzt." Menschen, die vor Krieg fliehen, "haben genauso ein Recht auf Sicherheit, Frieden und Freiheit", sagt die Frau. "Man kann nicht sagen: Wir haben mehr ein Recht darauf."

Einige Meter von der Frau, gedanklich aber Welten entfernt stehen die aus Russland oder Kasachstan ausgewanderten Deutschen. So wie Eduard Riedel, der betont: "Meine Heimat ist definitiv hier." Der 36-Jährige findet, dass Menschen, die sich illegal in Deutschland aufhalten oder die sich nicht an Gesetze halten, schneller in ihr Heimatland geschickt werden müssten. Darum geht es den Demonstranten, deshalb haben sie unter ihrem Gruppennamen "Frieden in SHA" die Kundgebung mit dem Titel "Friedensdemo gegen Gewalt an Frauen und Kindern" angemeldet. "Wir sind nicht gegen Menschen, die Schutz suchen", ruft eine Frau bei ihrer Rede ins Mikrofon, immer wieder übertönt von den Rufen gegen sie protestierender Bürger. Die Stimmung ist aggressiv. Es gibt kleine Gruppen, in denen Anhänger beider Lager miteinander zu reden versuchen. Oft schreien sie sich aber an.

Ihm seien von einzelnen Mitgliedern der Gruppe "Frieden in SHA" Schläge angedroht worden, erzählt Siegfried Hubele, er sei beleidigt worden, "das ist eine dünne Diskussionsbasis". Der Haller, Betriebsrat in einem Öhringer Unternehmen, erzählt, dass Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre viele Russlanddeutsche in die Firma kamen. "Ich weiß noch, welch üble Legenden über die erzählt wurden. Wir haben diese Leute damals alle in Schutz genommen. Und jetzt hetzen sie gegen Asylbewerber, das ist unerträglich", sagt Hubele. Er hält ein Schild in die Höhe mit der Aufschrift: "Russlanddeutsche: Auch ihr seid als Fremde gekommen. Erinnert euch!" Der Text bringt einen der Angesprochenen in Rage. Er betont, dass er eine Ausbildung zum Schlosser gemacht habe, jetzt als Lastwagenfahrer arbeite und gut integriert sei. Diesen Willen zur Integration hätten viele muslimische Flüchtlinge nicht, sagen an diesem Nachmittag viele Mitglieder von "Frieden in SHA".

Deren Mitglieder seien "selbst Flüchtlinge" gewesen, "dass die jetzt gegen Flüchtlinge agitieren, ist total widersprüchlich", sagt ein junger Gegendemonstrant.

Ein 33-Jähriger, der wie viele andere aus beiden Lagern keinen Namen nennen will, erzählt: Er sei 2001 aus Kasachstan nach Deutschland gekommen, die ersten zehn Jahre sei die Integration schwierig gewesen: "Ich habe mir Mühe gegeben, aber die Leute wollten mich nicht verstehen, und das hatte nichts mit der Sprache zu tun." Eine Frau sagt in erregtem Ton: "Drüben waren wir die Faschisten, hier sind wir die Russlanddeutschen. Wo sind wir denn willkommen?" Sie müssten einen Antrag stellen, um Familienmitglieder nachzuholen, "das dauert Jahre". Für muslimische Flüchtlinge aber, so die Ansicht der Frau, werde der Familiennachzug sofort geregelt.

Die Diskussionen sind mitunter verwirrend. Ein protestierender Bürger sagt zu einem Russlanddeutschen: "Sie sollten darüber nachdenken, wie gut es Ihnen hier geht." Einer der Angesprochenen erwidert: "Wir sind hierher nach Hause gekommen." Ein Demonstrant ruft durch das Megafon: "Wir dürfen nicht gegeneinander demonstrieren, verdammt noch mal. Das ist auch eine Form von Gewalt."

Polizeichef zufrieden

Bilanz "Ich bin zufrieden, dass es so gelaufen ist", sagt der Leiter des Haller Polizeireviers, Siegfried Schön, nach dem Auflauf. Es habe keine Verletzten und keinen Schaden gegeben. Gleichwohl sei die Stimmung eine Weile sehr aggressiv gewesen. Das "deeskalierende Konzept" der Polizei habe geholfen, so Schön. wd