München Die vertuschten Phantombilder aus Heilbronn

Die vertuschten Phantombilder aus Heilbronn. Das Bild unten rechts wurde nach Angaben des schwerverletzten Polizisten Martin Arnold erstellt.
Die vertuschten Phantombilder aus Heilbronn. Das Bild unten rechts wurde nach Angaben des schwerverletzten Polizisten Martin Arnold erstellt. © Foto: Reiner Hausleitner
München / THUMILAN SELVAKUMARAN 01.02.2014
Der Fall um die 2007 in Heilbronn ermordete Polizistin bleibt voller Widersprüche. Phantombilder hätten helfen können – blieben auf Anordnung eines Staatsanwalts aber unter Verschluss.
Herbert Tiefenbacher ist ein großgewachsener Mann, wirkt souverän. Er ist stolz auf seine Arbeit, stolz auf seine Kollegen. Dennoch ist Verbitterung in seiner Stimme zu hören, als der 64-jährige Kriminalbeamte, der seit zwei Jahren pensioniert ist, im Prozess gegen den mutmaßlichen Nationalsozialistischen Untergrund vor dem Oberlandesgericht in München aussagt.

Nach dem Polizistenmord am 25. April 2007 – Michele Kiesewetter wurde im Streifenwagen mit einem Kopfschuss getötet, ihr Kollege Martin Arnold überlebte schwerverletzt – ermittelte zunächst die Heilbronner Polizei. 2009 wurde der Fall an das Landeskriminalamt übergeben.

Tiefenbacher verliert kein schlechtes Wort über seine Kollegen in Heilbronn – offenkundig sind aber Fehler, die damals gemacht wurden. Jahrelang wurde ein Phantom gejagt, weil zur Spurensicherung kontaminierte Wattestäbchen eingesetzt worden waren. Videoaufzeichnungen von Tankstellen, Bäckerei und Hubschrauber wurden nicht ausgewertet, auch nicht hunderte Funkzellendaten der Handynetze. Das geschah alles erst zwei Jahre nach der Tat. Die privaten E-Mails von Kiesewetter wurden bis heute nicht überprüft. Die Ermittlungen gerieten ins Stocken.

Tiefenbacher war dabei, als der Polizist Arnold vernommen wurde – zwölfmal. „Beim ersten mal haben wir ihn behandelt wie ein rohes Ei.“ Der Überlebende habe sich sehr sicher gezeigt, sei von den Ermittlern nie unter Druck gesetzt worden. „Er war in Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.“ Und: Er konnte sich an Tat und Täter erinnern.

Arnold ist nicht der einzige, der Hinweise geben konnte. „Es gab schon am Anfang mehrere Zeugen, die blutverschmierte Männer sahen.“ Ein Ehepaar habe einen Mann beobachtet, der beim Nähern eines Polizeihubschraubers in die Hecke gesprungen sei. Mehrere Zeugen berichten von einem dunklen Audi, in den ein blutverschmierter Mann gestiegen war. Auch ist die Rede von einer Frau mit Kopftuch.

Tiefenbacher und seine Kollegen waren überzeugt, wollten drei von 14 Phantombilder veröffentlichen. Der Heilbronner Staatsanwalt Christoph Mayer-Manoras untersagte dies aber, so Tiefenbacher.

Die Verteidiger der Hauptangeklagten Beate Zschäpe halten sich – wie an den meisten Prozesstagen – mit Nachfragen zurück. Dafür meldet sich Olaf Klemke zu Wort, Verteidiger des mutmaßlichen NSU-Helfers Ralf Wohlleben: „Haben Sie nachgefragt, wieso er Ihnen das untersagt hat?“ „Das steht mir nicht zu“, meint der Kriminalbeamte. Klemke: „Hätten sie nicht auch Einwände erheben können?“ „Ich habe es damals nicht gemacht.“ Hat es etwa Druck von den eigenen Vorgesetzten gegeben? Tiefenbacher enthält sich jeglichen Kommentars.

Er vermutet aber, dass der Grund für die Nichtveröffentlichung in einem Gutachten liegt, das der Staatsanwalt selbst in Auftrag gegeben hatte. Demnach sind die Angaben des verletzten Polizisten nicht verwertbar. Das LKA hatte, so steht es in den Akten, eine ganz andere Meinung. Denn Arnolds Angaben passen zur Tatrekonstruktion.

Nebenklagevertreter Yavuz Narin weist darauf hin, dass die Beobachtungen der Zeugen „doch sehr plausibel waren“, was Tiefenbacher bestätigt. Narin: „Ist es üblich, dass in einem Fall so viele Zeugen blutverschmierte Personen sehen?“ Tiefenbacher ist dazu kein anderer Fall bekannt, bei dem es so eindeutig war.

Dennoch wurden von Staatsanwalt Mayer-Manoras auch die Zeugen als unglaubwürdig abgestempelt, obwohl in diesen Reihen ein V-Mann gelistet ist, der von der Behörde als zuverlässig eingestuft wurde.

Zu Mayer-Manoras Entscheidung gibt es heute keine Auskunft mehr. Die Pressehoheit liege bei der Generalbundesanwaltschaft (GBA), teilt Erster Staatsanwalt Harald Lustig aus Heilbronn mit. Auch die GBA wertet die Hinweise der Zeugen als unglaubwürdig – wohl auch, weil keine der Beschreibungen zu Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt passen. Laut Staatsanwälte kämen nur diese beiden als Täter in Frage.
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