Schwäbisch Hall Die unbekannte Schöne

Mit Begeisterung zeigt Albrecht Bedal bei seiner Führung die verborgenen, schönen Seiten von Steinbach jenseits der Hessentaler Straße, die den Ort in zwei Teile zerschneidet.
Mit Begeisterung zeigt Albrecht Bedal bei seiner Führung die verborgenen, schönen Seiten von Steinbach jenseits der Hessentaler Straße, die den Ort in zwei Teile zerschneidet. © Foto: Beatrice Schnelle
Schwäbisch Hall / Beatrice Schnelle 07.06.2018
Wer weiß, wie Steinbach jenseits der Hessentaler Straße aussieht? Die Teilnehmer der Führung von Albrecht Bedal sind jedenfalls überrascht.

Albrecht Bedal staunt nicht schlecht über das Gedränge vor der Kirche St. Johannes Baptist: Fast 90 Personen wollen ihm bei seinem baugeschichtlichen Rundgang durch Steinbach folgen. Zwei Stunden lang verstopft die neugierige Schar die schmalen Gassen. Die Tour entpuppt sich als große Überraschung. Viele Teilnehmer hatten von dem sehenswerten, historischen „Hintergrund“ nichts geahnt. „Die unbekannte Schöne“ nennt der frühere Leiter des Haller Hochbauamts den Ort folgerichtig.

Die meisten Leute würden von Steinbach nur die „herrliche Durchgangsstraße“ und den „wunderbaren Parkplatz“ wahrnehmen, die heute das geografische Zentrum bilden, bemerkt er ironisch. In den 60er-Jahren sei der Gemeinderat mächtig stolz auf diese Meisterleistung gewesen.

Jetzt sei es allmählich an der Zeit zu überlegen, was man tun könne, um den verschandelten Stadtteil endlich wieder als das Kleinod zu würdigen, das er in Wahrheit darstelle. Eigentlich müssten auch die Industriehallen auf der Kocherseite von St. Johannes Baptist verschwinden, damit der Bau seine ursprüngliche, auf einem Felsen errichtete Dominanz zurückerhalte: „Dann wäre nachvollziehbar, warum sie als eine der Urkirchen in der Region gilt.“

Den Häusern der „einfachen Leute“ gilt das Augenmerk dieser Führung. Große und Kleine Comburg werden ignoriert, können aber aus der Ferne prima zuschauen. Erste Station ist der katholische Kindergarten im Kleincomburger Weg. Er residiert im kirchlichen Spitalgebäude aus dem 15. Jahrhundert. Platz für den Nachwuchs gab es dort Anfang des 20. Jahrhunderts: „Ein 40 Quadratmeter großer Raum für 90 Kinder“, berichtet Bedal aus den Zeiten lange vor den heutigen Kita-Vorschriften.

Ein Eulenloch fürs Herdfeuer

Gegenüber steht mit der Nummer 5 das zweitälteste Steinbacher Haus aus dem Jahr 1446. Das älteste wurde 1440 erbaut und trägt die Hausnummer 12. Der Fachmann erläutert, woran man die lange Geschichte der vielfach renovierten Bauten erkennt: Etwa am typisch mittelalterlichen „Eulenloch“ im Halbwalmdach, durch das einst der Rauch des darunter gelegenen Herdfeuers abziehen konnte.

Weiter geht´s zum Dreiseithof (Nr. 23), dessen Haupthaus vom Besitzer auf etwa 1680 datiert wird. Es könne der Wirtschaftshof der Kleinen Comburg gewesen sein, glaubt Burkhardt Goethe. Den Eingang zieren schmucke Steinsäulen, das Muschelkalkpflaster im Innenhof entzückt „Architekturgourmet“ Bedal.

Vier Stadttore gehören zu den Seltsamkeiten Steinbachs, zwei aus dem Jahr 1586, zwei 150 Jahre jünger. „Symboltore“ seien das gewesen, vermutet der Leiter der Führung. Zur Sicherung der Bewohner hätten sie nachweislich nicht gedient. Rätsel gebe ebenso der damals nicht vorhandene Verbindungsweg nach Schwäbisch Hall auf. Die Kocherbrücke habe direkt zum Hagenbach geführt. Die „freche“ Theorie: „Vielleicht wollten ja die Haller und die Steinbacher nichts miteinander zu tun haben.“

Geselliger Flecken

Mit zwei Brauereien, einer Weinstube und vier Gastwirtschaften war das alte Steinbach ein geselliger Flecken. Von der Brauerei Bolz ist nur noch eine grün überwucherte Fläche an der Straße „Im Stöckle“ übrig, aus den Wirtschaften in der Neustetter Straße sind Wohnhäuser geworden. „Handlung von Anton Sacco 1827“ ist über dem Haus mit der Nummer 15 eingemeißelt. Die Söhne des vermutlich italienischstämmigen Einwanderers betrieben zwei Brauereien in Hall.

Ein paar Schritte entfernt liegt das Gebäude der ehemaligen Zimmersynagoge aus dem 16. Jahrhundert, deren Einrichtung im Hällisch-Fränkischen Museum zu bewundern ist. Noch unzureichend erforscht sind die möglicherweise zwei Badehäuser (Nr. 21 und 22) aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Wie gut es die Steinbacher haben, sieht der Forschungstrupp bei der Ortsumrundung, die vorbei an weiten Wiesen mit grasenden Pferden und durch ein Wäldchen über den munter plätschernden Waschbach führt. „Hier gibt es alles“, stellt eine Anwohnerin fest, „leider auch die schreckliche Durchgangsstraße.“

Die Geschichte Steinbachs schwarz auf weiß

Wer wissen will, was es mit dem sogenannten Konvertitenhaus in der Neustetter Straße 7 auf sich hat oder mit dem „Samenkasten“, in dem heute die Steinbacher Grundschule untergebracht ist, darf sich freuen. Denn die Haller Geschichtswerkstatt bereitet derzeit ein Buch über Steinbach vor. Auch wer sich für den letzten aktiven Steinbacher Bauernhof interessiert, mit dem unlängst „wieder ein Stück Geschichte unwiederbringlich“ abgerissen wurde, wie Bedal bedauert, oder die ungewöhnliche Bevölkerungsstruktur des Ortes kennenlernen möchte, kann darin fündig werden. Darin werden sich sicher auch die vielen Anekdoten finden, die Albrecht Bedal bei seiner Führung erzählte. Der Bauhistoriker ist nämlich einer der Autoren. cito

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