Schwäbisch Hall / Sonja Alexa Schmitz  Uhr
Der Haller Marco Candido stellt für seinen körperbehinderten Sohn die beruflichen Weichen. Sie sollen ins Radio führen.

Die besten Ideen kommen Vater und Sohn in der hauseigenen Sauna. Wenn sie auf den hölzernen Balken schwitzen, machen sie Brainstorming, sammeln Themen, über die Finn am kommenden Sonntag berichten könnte. Dann läuft nämlich seine Sendung online auf „Handwerker Radio“. Diesen Sender hat Marco Candido vor vier Monaten auf den Weg gebracht, am 15. September, dem Tag des Handwerks.

Zuvor hat der 46-Jährige bei der Firma Würth gearbeitet, wo er zuletzt über 2000 Mitarbeiter im Außendienst und den ­Verkaufsniederlassungen führte. Nach 21 – wie er sagt – spannenden Jahren hat er sich aus persönlichen Gründen entschieden, selbstständig zu arbeiten. Einer der persönlichen Gründe ist sein älterer Sohn Finn.

„Da es für Menschen mit körperlich schweren Behinderungen kaum Arbeitsmodelle gibt, wollen wir gemeinsam für Finn Luca eine berufliche Zukunft bauen“, sagt der gebürtige Ilshofener, der mit Frau Doreen und den Söhnen Finn und Leo auf der Tullauer Höhe in Hall wohnt. Candido wurde selbstständiger Berater. Und setzte eine lange gehegte Idee um: Er schuf einen Radiosender für Handwerker. Für diese Zielgruppe gebe es zu wenige Informationsmöglichkeiten zu fachlichen Themen, außerdem würden die Magazine der Verbände immer dünner und Printmedien immer seltener gelesen. Der ehemalige Würthler konnte auf Kontakte zurückgreifen, die ihm bei seinem Vorhaben nützlich waren. Nun ist das Online-Handwerker-Radio vier Monate alt und seit November ist Finn mit dem sonntagmorgendlichen „Handwerker Brunch“ am Start.

Seit einem Unfall sitzt Dirk Eichhorst im Rollstuhl. Der Koch musste umschulen und fand bei der Firma Kamo eine neue Stelle.

Erste Sätze beim Spaziergang

Bei einem Vater-und-Sohn-Spaziergang besprechen sie die Idee, dass der damals 14-Jährige eine Sendung übernehmen könnte. Finn ist gleich dabei. Noch unterwegs nehmen sie auf dem Handy ein paar Sätze auf, die man in so einer Sendung sprechen könnte. Und ab dem Zeitpunkt sammelt der Junge, der wegen eines Sauerstoffmangels bei der Geburt eine Zerebralparese erlitt, Themen. Bei der Zerebralparese handelt es sich um eine Hirnschädigung, die Störungen des Nervensystems und der Muskulatur im Bereich der Motorik zur Folge hat.

Aus seinen Themenideen werden Beiträge, die Finn mit seinem Tablet aufnimmt. Darin erzählt er beispielsweise davon, dass die Sportlerin Verena Bentele in Hall war. Dort sei ihr gesagt worden: „Viele verstehen nicht, warum Sie als blinde Frau Biathlon machen.“ Darauf habe sie geantwortet: „Und ich verstehe nicht, warum nicht blinde Menschen keinen Biathlon machen.“ Das hat Finn gefallen. Er informiert seine Hörer auch darüber, dass das Auszubildendengehalt angehoben werden soll, erzählt von einem Krimi und spricht über das Exoskelett. Das ist eine Unterstützung für den Körper, mit dem Handwerker zum Beispiel leistungsfähiger werden und Menschen, die wie Finn im Rollstuhl sitzen, vielleicht sogar stehen könnten.

Finns Wortbeiträge schickt Vater Marco Candido zu einem Techniker, der die Sendungen zusammenschneidet. Der Hauptmoderator des „Handwerker Radios“, der durch einen Unfall ebenfalls körperlich behindert ist, wohnt in Rendsburg in Schleswig-Holstein und arbeitet dort in seinem Heimstudio.

Beim 1. Göppinger Fachtag zu Gewalt gegen behinderte Frauen und Mädchen wurden bedrückende Zahlen präsentiert: Sie werden viel  häufiger Opfer von Gewalt als Nichtbehinderte.

Zuhörerzahlen steigen

Marco Candido zeigt auf seinem Laptop eine Statistik: Seit Finn den „Handwerker Brunch“ übernommen hat, gehen die Hörerzahlen zwischen 9 und 13 Uhr stark in die Höhe. Am 20. Januar hatte er rund 7000 Hörer. Wenn Finn sich selbst im Radio hört, dann geht es ihm so, wie wohl den meisten Menschen, wenn sie ihre eigene Stimme hören: Er findet es furchtbar. Für seine vierstündige Sendung wählt der junge Radiomacher auch die Musik aus, meist Titel aus den 70er- und 80er-Jahren. Nicht weil das seine Musik ist, sondern weil er weiß, dass das seinen Hörern gefällt.

Mutter Doreen freut sich, dass Vater und Sohn etwas haben, wodurch sie gemeinsam Zeit verbringen – und noch etwas Nützliches und Lehrreiches dazu. Finn ist nun auf den Weg gebracht, Radiomoderator soll sein Beruf werden. In ein paar Jahren soll er selbst Sponsoren finden, die ihm seine Sendungen finanzieren. Auch dazu hat er total Lust.

Das könnte dich auch interessieren:

Der erste Haller Ministrant im Rollstuhl

Finn Candido ist 15 Jahre alt und besucht eine Außenklasse des Sonnenhofs in Michelbach. Zuvor war er in der Kreuzäckerschule, ebenfalls in Kooperation mit dem Sonnenhof. Außerdem ist Finn der erste Ministrant im Rollstuhl in der Geschichte der Haller katholischen Gemeinden. Er hat in einem Rolli-Basketballteam mitgespielt, mag es, mit Freunden zu chillen und hört gerne Gangster-Rap. sasch