Schwäbisch Hall Anlagencafé: Geburtstag im Swing-Geist

Pierre Omer singt in Hall mit dunkler und melancholischer Stimme tanzbare Songs.
Pierre Omer singt in Hall mit dunkler und melancholischer Stimme tanzbare Songs. © Foto: Andreas Dehne
Schwäbisch Hall / Andreas Dehne 13.06.2018
Seit fünf Jahren steht das Schwäbisch Haller Anlagencafé unter der Leitung der derzeitigen Betreiber. Sie feiern den Geburtstag mit einem Konzert von Pierre Omer’s Swing Revue.

Jean Philippe Geiser am Bass legt solo einen treibenden Groove vor. Das Schlagzeug von Julien Israelian setzt etwas verzögert ein und scheint ihn förmlich vor sich hertreiben zu wollen. Schon jetzt tanzen alle Besucher im vollbesetzten Anlagencafé, sofern es der Platz denn zulässt, oder wippen zumindest mit dem Fuß. Schreie der Begeisterung gellen durch den Raum. Viel Beifall.

Irgendwann setzt die halbakustische Gitarre von Bandleader und Sänger Pierre Omer ein. Aus dem treibenden Beat schält sich langsam ein Swing. „I will never be the same again“, singt er mit seiner tiefen Stimme. Dann die Trompete von Christoph Gantert. Sie schneidet sich förmlich zwischen die „Romantic“ des Songs. „I saw Ghosts“, so der Titel des Stückes, das nach etwa einer Stunde in die schweißtreibende Atmosphäre des kleinen Cafés in den Schwäbisch Haller Ackeranlagen geknallt wird. Es nennt sich Swing, aber es duftet aufdringlich gut nach Gypsy, Blues und Rock ’n’ Roll, was „Pierre Omer’s Swing Revue“ aus der Schweiz nach Hall bringt.

Spiel auf Luftrüsseltröten

Sie singen deutsche, englische und französische Texte. Sie spielen auf Flöten, Bluesharp und Luftrüsseltröten. Sie spielen fast alle Titel ihrer aktuellen CD „Swing Cremona“. Es sind Eigenkompositionen, aber auch zahlreiche auffällig frisch und tanzbar interpretierte Coverversionen wie „Russian Lullaby“ (Irving Berlin), „Lotus Blossom“ (Duke Ellington) oder „Undecided“ (Charlie Shavers).

Schon beim Eröffnungssong des Abends wird man fast magisch hineingezogen in die unheimliche Welt der „Pierre Omer’s Swing Revue“. Sie spielen „Willy Wolf“. Mit seiner dunklen und melancholischen Stimme erinnert Bandleader Pierre Omer sehr an Nick Cave. Nur viel tanzbarer. „Jetzt kommt der ornithologische Teil des Abends“, kündigt er im Anschluss an „Ghosts“ das Stück „Sophie“ an. Mit seinem etwas überzogen wirkenden französischen Akzent hört sich das fast an wie der erotische Teil des Abends. „Die Vögeln vögeln“, stellt er übertrieben harmlos dazu fest. „Sophie, mein Henkersmädel, komm, küsse mir den Schädel! Zwar ist mein Mund ein schwarzer Schlund – doch du bist gut und edel!“ Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid, nach einem Text von Christian Morgenstern. Eines der vielen Highlights des Abends. Trompeter Christoph Gantert singt und spielt es so verrucht, wie es in der Ära der Kaschemmen der 30er- und 40er-Jahre wohl schon erfolgreich gewesen sein müsste.

Zum zweiten Mal im Anlagencafé bereitet die „Swing Revue“ mit ihren einnehmenden und sehr eingängigen Swing-Variationen den würdigen Rahmen, um das fünfjährige Bestehen des dortigen Kulturprogramms angemessen zu begehen.

Zuschauer werden beschenkt

„Schön, dass ihr mit uns feiert.“ Mitinhaber Günter Wagner scheint bei seiner Begrüßung berührt. „Ihr könnt die Geschenke bitte einfach an der Theke abgeben.“ Dem Augenschein nach dürfte die Flut der Geschenke überschaubar geblieben sein. Reich beschenkt werden jedoch die Zuschauer. Schweißgebadet nach einem mitreißenden Konzert werden sie mit der letzten Zugabe „Lotus Blossom“ in die laue Geburtstagssommernacht entlassen. Vollkommen be­„swingt“. Und nicht nur wegen dem mitreißenden „Chicken Rhythm“ gegen Ende des Konzertes. Die Suche der Band nach „Hühnchen“ unter den Zuschauern war nur mäßig erfolgreich. Hätte sie nach begeisterten Zuschauern gesucht, wäre sie erfolgreicher gewesen. So eine gelungene Geburtstagsparty möchte man gerne wieder erleben. Aber nicht erst zum 25-Jährigen.

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