Der Alte lag jahrzehntelang in einem Waldstück nahe der bayrischen Gemeinde Siegsdorf bei Traunstein begraben. Kopfüber war er beerdigt worden. Nur sein Fahrgestell schaute ein wenig aus dem dunklen Boden heraus, als Tino Ertel und Thomas Turnwald am 16. August 2017 den Fund erblickten, der in der Oldie-Szene von sich reden machen und ein Stück Haller Vergangenheit auferstehen lassen sollte.

Zwei Tage brauchten die beiden, um das Autowrack freizulegen, ohne das Zerbrechen der Konstruktion zu riskieren. Dabei kam ein bekanntes Logo mit vier roten Ziegelsteinen zum Vorschein. „Schwäbisch Hall – Bausparkasse der Volksbanken und Raiffeisenkassen“ stand auf der Längsseite der Karosserie zu lesen.

Die Geschichte dieses VW-Veterans begann 1959. Mit 15 baugleichen Kollegen fuhr der beige Bulli damals als Werbeträger die Bausparkassen-Vertreter über die Dörfer rund um Hall. Es handelte sich um aufwändige Sonderanfertigungen: Auf der Pritsche thronte jeweils eine gebogene Glaskuppel, unter der eine kleine Wohnwelt mit Villen, Einfamilienhäusern und Bauernhof zu bewundern war. Dieses Erscheinungsbild brachte den Bussen im Volksmund den Spitznamen „Schneewittchensarg“ ein.

Ihre Recherchen führten die „Bavarian Pickers“, wie sich die passionierten Autowrack-Forscher Ertel und Turnwald als Team nennen, rasch zu Stephan Meyer. Für den Inhaber einer Oldtimer-Werkstatt im Haller Steinbeisweg bedeutet der seltene Fund viel: Er hat den „Schneewittchensarg“ vor Jahren im Auftrag des damaligen Bausparkassenvorstands Matthias Metz nachgebaut und zwar gleich zweimal, Miniatur-Siedlung inklusive. Das erste Remake gehörte zu den besonderen Schmankerln des 80. Gründungsjubiläums, das das Kreditinstitut im April 2011 feierte. Ein Bericht über Meyer und sein ungewöhnliches Projekt erschien damals im Haller Tagblatt.

„Ich konnte es kaum glauben, als Tino Ertel anrief und sagte, sie hätten den echten Bulli gefunden“, sagt Matthias Metz. „Das war natürlich eine Sensation für mich.“ Blass und rostig stand der lädierte VW-Bus mittlerweile schon auf der Messe „Retro Bavarian“ in Nürnberg und wird wahrscheinlich demnächst bei der „Retro Classic“, der größten Messe für Oldtimer-Freunde in Stuttgart, Aufsehen erregen. Das kaum restaurierte Original wird zusammen mit einem der beiden Nachbauten von Stephan Meyer gezeigt, die sich im Besitz der Bausparkasse befinden.

„Diese Gegenüberstellung ist natürlich der Hingucker schlechthin“, finden die drei Autoschrauber und der frühere Vorstand einhellig. Selbst dem führenden Branchen-Medium „Oldtimer-Markt“ ist das Märchen vom Schneewittchensarg einen Beitrag wert. „Es handelt sich immerhin um das einzige Fahrzeug seiner Art auf der ganzen Welt“, schwärmen die Finder.

An Ort und Stelle verscharrt

Stephan Meyer konnte jetzt endlich auch nachprüfen, wie gut seine Werke gelungen sind, die er in mühevoller Arbeit aus 1959 hergestellten Bulli-Pritschen schuf – nur auf Grundlage eines einzigen, alten Fotos: „Der echte Bus war etwas länger, aber sonst passt das Allermeiste.“ Nicht mehr vorhanden ist die Glaskuppel, die Meyer bei der Rekonstruktion aus Acrylglas das meiste Kopfzerbrechen bereitet hatte.

Wie der VW-Pritschentransporter in den Siegsdorfer Boden gelangte, wissen die Bavarian Pickers ebenfalls: Als Anfang der siebziger Jahre die Busse ihren Dienst allmählich einstellten, rettete ein Bausparkassen-Vertreter ein Exemplar für den Campingplatz, den er oberhalb der Fundstelle betrieb. „Vermutlich wegen einer nicht angezogenen Handbremse rollte das Gefährt in den Wald hinunter und wurde so stark beschädigt, dass man es einfach an Ort und Stelle verscharrte“, erfuhren Ertel und Turnwald von Einheimischen.

Diese Art der Schrottauto-Entsorgung sei zu dieser Zeit üblich gewesen: „Da hat sich keiner dafür interessiert“, sind sich die beiden einig.

Vergrabene Schätze gesucht


Tino Ertel (43) und Thomas Turnwald (42) retten seit 2014 gemeinsam als „Bavarian Pickers“ Autowracks, die überall in Deutschland noch im Boden vergraben liegen. Die Suche nach den automobilen Raritäten ist für die beiden Männer ein Hobby. Sie verdienen dabei nichts. Um die Wracks zu finden, sind die beiden Automechaniker aus der Oberpfalz auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Unter www.bavarian-pickers.com kann man Kontakt zu ihnen aufnehmen.