Politik Die Partei gründet Haller Ortsverband

Die Gründungsmitglieder des Haller Ortsverbands der Satirepartei „Die Partei“: Knud Wetzel, Kreisverbandsvorsitzender, Kassenwart Armin Steigleder, Ortsverbandsvorsitzender Tillmann Finger und sein Stellvertreter Christian Gentner (von links).
Die Gründungsmitglieder des Haller Ortsverbands der Satirepartei „Die Partei“: Knud Wetzel, Kreisverbandsvorsitzender, Kassenwart Armin Steigleder, Ortsverbandsvorsitzender Tillmann Finger und sein Stellvertreter Christian Gentner (von links). © Foto: Beatrice Schnelle
Schwäbisch Hall / Beatrice Schnelle 11.12.2018
Hinter schrägen Sprüchen steckt der ernste Wille, kommunalpolitisch eine „wahre“ Alternative zu schaffen.

In Tullau habe sie bei der vergangenen Bundestagswahl ganze zwei Stimmen erhalten, somit dürfe sein Heimatort als Hochburg der politischen Organisation „Die Partei“ gelten, konstatiert ein Herr mittleren Alters, dessen Erscheinungsbild fast zu seriös für die Umgebung ist.

Im Kneipenkollektiv beim Club Alpha gründet die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative am Samstag den Ortsverband Schwäbisch Hall und wählt praktisch zeitgleich mit der Bundes-CDU ihren Spitzenkandidaten. Tillmann Finger tritt allerdings ohne Konkurrenz an.

Von elf der anwesenden zwölf wahlberechtigten Mitglieder wird der 31-jährige Sporttherapeut zum Vorsitzenden gekürt. „Das sind 96,86 Prozent“, verkündet Stephan Wenzel, der als zweiter Vorsitzender des Kreisverbandes die Veranstaltung mit organisiert.

Finger will OB ablösen

In seiner kaum einmütigen Ansprache („20-Sekunden-Reden sind die besten“) verspricht Finger, spätestens 2021 den Oberbürgermeisterposten im Haller Rathaus zu übernehmen. Beim Pressegespräch verrät er etwas über seine Pläne mit der Siederstadt. So hält er etwa eine Kocherunterführung für wünschenswert: „Tunnel bauen passt einfach gut zu Hall, und das muss erhalten bleiben, falls der Weilertunnel überraschenderweise jemals fertig werden sollte.“ Zudem seien monumentale Gebäude das, was die Haller Bürger wollten, und wenn er Hermann-Josef Pelgrim abgelöst habe, werde er dessen Werk in noch weitaus umfangreicheren Dimensionen fortführen.

Ernstere Töne schlägt der stellvertretende Vorsitzende Christian Gentner an. Er sei ein bequemer Mensch, und es brauche schon eine Menge, um ihn in die Politik zu kriegen, bekennt der 37-jährige Ingenieur und technische Leiter der Freilichtspiele. Die aktuelle Lage erfordere es dringend, eine „wahre“ Alternative zu schaffen: „Ich fürchte, dass wir im nächsten Haller Gemeinderat die AfD sitzen haben.“ Zu diesem Rechtsruck müsse es ein Gegengewicht geben. „Es zieht ein Sturm herauf, der schön himmelblau getarnt ist, aber tatsächlich ist es eine tiefbraune Gewitterwolke, die uns bedroht“, findet er bildhafte Vergleiche. Besonders schlimm sei, dass viele Leute die AfD verharmlosen und die von ihr ausgehende Gefahr kleinreden würden. Genau dieses Verhalten habe bekanntlich das Zeug dazu, Rechtspopulisten erstarken zu lassen.

Flexibler als ein Gummiband

Sind Satiriker denn die besseren Menschen? „Ich habe mich intensiv eingelesen und kann sehr gut hinter dem stehen, was die Partei vermittelt.“ Im Haller Rathaus existiere dagegen keine Partei, der er mit gutem Gewissen beitreten könne. Auch an den langfristigen Erfolg der Gruppierung um den Satiriker und Abgeordneten im Europaparlament Martin Sonneborn glaubt Familienvater Gentner, der sich selbst als „Spießer hoch zwei“ bezeichnet: „Wenn Satire keine Macht hätte, wäre sie nicht immer wieder Ziel gewalttätiger Angriffe, wie wir sie beispielsweise in Paris erlebt haben.“

„Die Partei“ sei gradliniger als ein Kreisverkehr und flexibler als ein Gummiband, streicht Knud Wetzel die taktischen Vorteile heraus. Der 48-jährige Handwerker aus Blaufelden steht dem am 1. April 2018 gegründeten Kreisverband vor. Er hofft, dass Tillmann Finger die Herzen der Haller Jungwähler erobern kann und sieht zudem ein nicht zu unterschätzendes Potential bei älteren Protestwählern, für die „rechtsaußen“ nicht in Frage komme.

Die kommunalpolitischen Forderungen des eingangs erwähnten Sympathisanten, der augenscheinlich kein Jungwähler mehr ist, treffen beim künftigen OB Finger auf offene Ohren: Schwäbisch Hall solle nach Tullau eingemeindet werden. Bis es soweit sei, müsse die Zufahrtsstraße zum Ort mit einer Schranke gesperrt werden, die nur von den Tullauern per Chipkarte geöffnet werden könne.

Provokante Wahlwerbung

Deutschlandweit zählt „Die Partei“ rund 31 000 Mitglieder und mehr als 570 Landes-, Kreis- und Ortsverbände in allen 16 Bundesländern. Der Bundesvorsitzende Martin Sonneborn wurde 2014 ins Europaparlament gewählt. Im Landkreis Hall gibt es 59 Parteigenossen, 20 davon in der Stadt Hall. Die Satirepartei ist in mehreren Kommunalparlamenten, unter anderem im Gemeinderat Tübingen, vertreten. Bei den Kommunalwahlen 2016 in Niedersachsen errangen ihre Kandidaten über 20 Mandate auf Kreis-, Gemeinde- und Bezirksebene. Bei den diesjährigen Landtagswahlen in Bayern und Hessen war auf ihren Werbeplakaten der doppelsinnige Spruch „Hier könnte ein Nazi hängen“ zu lesen. Für einen medienwirksamen Aufreger sorgte die Würzburger Kandidatin Andrea Kübert mit einem Plakat, auf dem sie das blutige Haupt von CSU-Ministerpräsident Markus Söder über dem Slogan „Christliche Werte hochhalten“ präsentiert. cito

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