Konzert Die neuen Sänger des Libanon

Schwäbisch Hall / Andreas Dehne 04.05.2017
„The Postcards“ – eine Band aus Beirut – macht im Haller Anlagencafé wunderbare Erfahrungen mit dem Publikum in Deutschland.

Sie sind Anfang zwanzig. Sie machen Musik, um ihre Gefühle auszudrücken. Sie kommen aus einem Land, das vielleicht sechs Millionen Einwohner hat. Vielleicht. Denn so genau weiß das dort niemand. Berlin, Hamburg und München dürften zusammen genommen ähnlich viele Bewohner haben. Aber dort leben keine zwei Millionen Flüchtlinge wie im Libanon. Zwischen Israel und Syrien am Mittelmeer gelegen, pulsiert in Beirut, der Hauptstadt des Landes, das Leben, erzählt der Drummer der Formation „The Postcards“, Pascal Semerdjian. Im „Paris des Nahen Ostens“ hat sich die Gruppe um die sehr ausdrucksstarke Sängerin Julia Sabra vor fünf Jahren gefunden. Auf einem Campingplatz am Meer.

Pascal Semerdjian und der Gitarrist Marwan Tohme sind Cou­sins. „Beirut ist sehr offen und gemischt“, erklärt Semerdjian auf Englisch seine Heimatstadt. Von Beruf ist er Bierbrauer – „I’m a brewer.“ Weizen und Kölsch seien seine Lieblingsprodukte. Begeistert zeigt sich die vierköpfige Gruppe darum wahrscheinlich auch vom Ploppen des „Gaildorfer Spezial“. Seit vier Tagen sind sie in Deutschland. Es ist ihr viertes Konzert. 22 werden es gewesen sein, wenn sie wieder in ihre Heimat zurückfliegen.

Sehr konzentriert auf Konzert

Auf die Frage, was sie an Deutschland lieben, antwortet Sängerin Julia Sabra fast schon etwas euphorisch. „Was daran lieben wir eigentlich nicht?“ Die gute Organisation wird genannt. „Every–one here is on time.“ Und natürlich das Publikum. „Die Leute hier sind bei Konzerten sehr konzentriert auf die Musik“, stellen sie gemeinsam nach dem Konzert in Hall erfreut fest.

Mit Blick auf den Park um das Anlagencafé herum äußern sie den Wunsch, gerne noch einmal wiederzukommen, um im Freien zu spielen. Oder um wieder auf den Trampolinen in den Ackeranlagen zu hüpfen, die es ihnen regelrecht angetan zu haben scheinen. Julia Sabra (Ukulele, Gitarre und Gesang) schreibt die Texte der Gruppe. Die Melodien entstehen gemeinsam. Sie legen Wert darauf, keine politischen Texte zu schreiben. Aber ihre in Metaphern angelegten Songs lassen doch sehr viel interpretativen Spielraum zu.

So etwa bei „Walls“, einem ihrer schönsten Lieder. „Over mountains, rivers and trees, still the flowers bloom, but here the walls keep crumbling down.“ Oder bei „Places we will go“, das durch die Tournee eine ungeahnte Aktualität bekommen hat. „So many years ago when we were young and wanted to get away, just wanted to get away – Oh the places we will go.“ Der Bassist der Gruppe, Rany Bechara, ist bei der Tournee nicht mit dabei. Als Nachkomme palästinensischer Flüchtlinge habe er für die Europa-Tournee kein Visum erhalten, sagt die Band. Georgy Flonty sorgt als seine Vertretung jetzt für die tiefen Töne. Beim Konzert im ausverkauften und heißen Anlagencafé mutet es etwas wundersam an, wenn sich eine Band aus dem Libanon beschwert, dass es in Deutschland zu warm sei.

Knapp 90 Minuten lang spielt die Gruppe vor dem überwiegend begeisterten und schwitzenden Publikum 15 Titel. Sie hätten Kartenvorbestellungen aus Stuttgart und Frankfurt gehabt, erklärt das Team des Cafés. Mit dem Exotenstatus der Band wird das wohl genauso viel zu tun haben wie mit der Tatsache, dass ein Großteil der Libanesen nicht mehr im eigenen Land wohnen kann, erklärt Pascal Semerdjian.

Beim anschließenden CD-Verkauf gibt es ungewohnt lange Schlangen. Nicht wenige der Besucher kaufen alle drei CDs der Band. Das letzte Lied des Abends: Eine Cover-Version von Bon Iver. „Calgary“, mehrstimmig gesungen. Ein Traum.

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