Der junge Pablo Picasso kommt aus Malaga nach Paris. Dort verweigert er sich der Kunst, die von einem Spanier erwartet wird. Er findet seine Motive eher in Bars und Bordellen. František Kupka stammt aus einer Kleinstadt im heutigen Tschechien. Als junger Mensch studiert er in Prag und Wien, ehe er 1894 als 23-jähriger Modezeichner und Religionslehrer den Weg nach Paris findet. Die Aktgemälde des Italieners Amedeo Modigliani werden als skandalös empfunden. Ihn zieht es 1906 in die französische Hauptstadt. Diese drei und noch viele weitere der Künstler, deren Werke jetzt in Hall zu sehen sind, werden heute hoch geachtet.

„Junge Einwanderer bereichern die Kultur des gastgebenden Landes“, betont Kunsthallen-Direktorin Sylvia Weber am Sonntag bei der Eröffnung. Sie interpretieren ihre Kunst anders als erwartet, sie hinterfragen den Wert der Kunst in der Gesellschaft.

Junge Einwanderer, Kultur, Gastgeber – diesen Rahmen und die aktuellen Parallelen greifen am Sonntag auch die anderen Redner auf. Nie war eine Vernissage in der Haller Kunsthalle politischer. „Kunst hat damit zu tun, dass die Zukunft besser sein wird“, sagt Fabrice Hergott, der Direktor des Pariser Museums für Moderne Kunst.

Matisse in Schwäbisch Hall Matisse-Ausstellung: Vernissage in der Kunsthalle Würth

Die schönen Künste könnten dazu beitragen, dass Verunsicherungen gedämpft werden, sagt der Unternehmer Reinhold Würth, zu dessen Konzern mehr als 400 Unternehmen in mehr als 80 Ländern gehören und in denen nahezu 80 000 Menschen beschäftigt sind. Der 83-Jährige spricht von der Gefahr eines erneuten Kalten Kriegs, aber auch von psychischer Überforderung der Menschen durch schnellen technischen Fortschritt.

Reinhold Würth bezeichnet den französischen Präsidenten Emmanuel Macron als „einzige Lokomotive in Europa“. Er wünscht sich von der deutschen Bundesregierung, dass sie von ihrer Zögerlichkeit ablasse. „Es ist eine Überlebensfrage, ob Europa zusammenhält“, so Würth. Es müsse gelingen, nicht nur einen starken Wirtschaftsblock, sondern auch eine politische Einheit zu schaffen. Andernfalls würden die Enkel „tributpflichtige Vasallen der Machtblöcke“, befürchtet der Unternehmer. Wenn diese Ausstellung auch nur ein Mosaiksteinchen sein könnte, um Deutschland und Frankreich stärker aneinander zu binden, dann sei das eine große Tat, sagt der Unternehmer.

Halls Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim geht davon aus, dass die Kooperation des Pariser Museums mit der Haller Kunsthalle Würth den Geist der europäischen Zusammenarbeit ausdrückt – gerade in Zeiten, da der Nationalsozialismus stärker zu werden scheint.

Von einem „Zeichen des Schicksals“ spricht der Pariser Kulturbürgermeister Christophe Girard im Adolf-Würth-Saal. Er meint damit auch die Entscheidung von Fabrice Hergott und Reinhold Würth, rund 200 Werke nach Hall zu holen, während im Musée d’Art moderne de la Ville de Paris renoviert wird. Die Kultur könne eine Antwort da­rauf geben, wenn Dinge ins Wanken geraten. „Das Land der Kunst verlangt keinen Pass“, so der Pariser Bürgermeister.

Fabrice Hergott lässt keinen Zweifel daran, dass die Kooperation zwischen Paris und Hall gelingt. „Die Schönheit der Werke, ihre Farben, ihre Freiheit – man spürt in Schwäbisch Hall den Geist von Paris“, sagt der Direktor eines der bedeutendsten Museen für zeitgenössische Kunst.

Halls Oberbürgermeister macht in seinem Grußwort deutlich, dass Paris kaum größer ist als Hall. Die französische Hauptstadt erstrecke sich über eine Fläche von 105, Hall über 104 Quadratkilometern. „Ja, die Größe der Stadtoberflächen ist vergleichbar“, räumt der Pariser Kulturbürgermeister Christophe Girard ein. Doch im Gegensatz zu Paris ermögliche es Hall seinen Besuchern, gleich am Ortseingang nackt zu baden. Das Publikum schmunzelt, die Dolmetscherin rätselt und zögert. Was meint Girard? Vielleicht das Haller Solebad mit angeschlossener Sauna.

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Museums-Direktor Fabrice Hergott über eine großzügige Geste


Der Direktor des Pariser Museums für Moderne Kunst, Fabrice Hergott, fühlt sich vielen Werken verbunden, die jetzt in der Kunsthalle Würth zu sehen sind. Zu einem aber hat er eine ganz besondere Geschichte zu erzählen.

Die Galerie Maurice Garnier schenkte vor etwa zehn Jahren dem Musée d’Art moderne de la Ville de Paris aus ihrer Sammlung drei Bilder des 1999 verstorbenen Künstlers Bernard Buffet. In dem Raum, in dem diese aufgehängt werden sollten, war jedoch noch eine weitere Wand frei. Fabrice Hergott wandte sich an die ­Galerie mit der Bitte, ein viertes Bild ausgeliehen zu bekommen oder es zu kaufen.

Dieser Wunsch wurde abgelehnt. Die Galerie Maurice Garnier bestand darauf, dem Museum auch das Bild mit dem Titel „Les Oiseaux, le rapace“ von  Bernard Buffet zu schenken. „Das Bild ist so schön, die Geste so großzügig. Wir sind so stolz, dass wir dieses Bild zeigen können“, sagte Fabrice Hergott am Sonntag nach der offiziellen Vernissage in der Kunsthalle. just