Kirgisistan, Russland, Israel und nun Schwäbisch Hall in Deutschland. Sadi-Carolin Yusuphanova hat mit ihren 32 Jahren bereits viele Länder kennengelernt: "Von minus 20 bis plus 30 Grad war schon alles dabei", erzählt sie, während sie an ihrem Wasser nippt.

Nun lebt sie seit dem 7. Januar dieses Jahres in der Kocherstadt, lernt am Goethe-Institut Deutsch - und erfüllt sich damit einen lang gehegten Wunsch. Als kleines Kind sieht sie in Kirgisistan eine Serie auf Deutsch. "Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass dort eine böse Zauberin namens Undina vorkam." Der Klang der deutschen Sprache fasziniert das Mädchen, doch so schnell wie sie will, kann sie nicht Deutsch lernen: In ihrer Schule kommt anfangs keine Deutsch-Klasse zustande - alle anderen Kinder wollen Englisch lernen -, erst später am Gymnasium ist das möglich.

Nun will Yusuphanova, die bereits Russisch, Hebräisch und Englisch fließend spricht, so gut Deutsch lernen, dass sie im September studieren kann. Sie hat bereits den Bachelor-Abschluss in Sonderpädagogik per Fernstudium an der britischen Open University.

Yusuphanova ist noch aus einem anderen Grund in Schwäbisch Hall: Schach. "Zwar war mir der Deutsch-Kurs wichtiger, doch dass es hier einen ambitionierten Schachklub gibt, hat mir natürlich zugesagt", schmunzelt sie. Denn Yusuphanova spielt seit ihrem dritten Lebensjahr Schach. "Mein Großvater hat häufiger uns Enkel beaufsichtigt. Damit wir nicht zu laut waren, hat er uns das Schachspielen beigebracht." Das wird für Sadi-Carolin Yusuphanova zur Passion. Bis zu zehn Stunden täglich übt sie, nimmt auch an Jugend-Weltmeisterschaften teil.

Schach ist auch ein Grund dafür, dass sie 1995 mit ihrer Mutter nach Israel auswandert. "Zum einen sind wir eine jüdische Familie, zum anderen ging es aber auch um meine Schach-Karriere." Sie gibt bald selbst Schach-Unterricht, war zudem mehrere Jahre Managerin der Schach-Abteilung von Hapoel Petach-Tikwa in der Nähe von Tel Aviv, organisierte das Training, den Ligabetrieb und die Turniere für den Schach-Nachwuchs. Auch deshalb freut sie sich auf den Schach-Kurs im Haller Haus der Bildung (siehe Extra-Kasten unten), knüpft doch dessen Organisation in Teilen daran an.

Das "königliche Spiel", wie Schach auch genannt wird, hat in Schwäbisch Hall zu einem Wiedersehen geführt: Großmeister Ernesto Inarkiew, der für den Schachklub Hall in der Oberliga spielt, ist Yusuphanovas Trainingskollege aus Schülertagen. "Wir haben in Kirgisistan zusammen trainiert und waren gut befreundet, ehe er dann nach Russland und ich nach Israel ging." Zwar haben beide über die Jahre hinweg Kontakt gehalten, doch Inarkiew war verblüfft, als Yusuphanova eines Abends auf einmal neben ihm im Haller Haus der Vereine sitzt.

Die 32-Jährige hat sich im Verein und der Stadt gut eingelebt, "die Menschen hier sind sehr freundlich, sie nehmen sich viel Zeit für mich". Ob es ihre Heimat werden kann? Yusuphanova denkt nach: "Wenn man wie ich an so vielen Orten gelebt hat, ist der Begriff Heimat schwer zu beschreiben. Am ehesten ist es Israel, weil ich dort bislang am längsten gelebt habe."