Bei der Jahreshauptversammlung des SPD-Ortsvereins am vergangenen Freitagabend im „Goldenen Adler“ sollten eigentlich die Vorbereitungen auf die Kommunal- und Europawahl im Frühjahr 2019 im Mittelpunkt stehen. Doch die als Gastrednerin eingeladene Landes-Generalsekretärin Luisa Boos musste kurzfristig absagen – und die Diskussion um OB Hermann-Josef Pelgrim und Stadträtin Monika Jörg-Unfried kochte erneut hoch.

Doch der Reihe nach: Anderthalb Stunden vor Beginn der Versammlung erhält SPD-Ortsvereinsvorsitzender Danny Multani von Luisa Boos den Anruf, dass sie wegen einer Autopanne nicht nach Hall kommen könne. Multani fragt den Stadtrats-Fraktionsvorsitzenden Helmut Kaiser, ob er spontan als Ersatzredner in die Bresche springen kann. Kaiser sagt zu und beginnt vor rund 30 SPD-Mitgliedern – viele haben wegen Krankheit abgesagt – um kurz nach 20 Uhr seine Ansprache.

Schwäbisch Hall

Er wolle sich von sich aus zum Thema Namibia-Reise des OB nicht äußern, beantworte aber gern Fragen dazu, schickt Kaiser vorneweg. Dann spricht er über die rasant wachsenden Haller Wohngebiete, steigende Mieten in der Stadt. Einige Genossen haken nach, sprechen den Mangel an bezahlbarem Wohnraum an – ein Thema, mit dem die SPD bei der Gemeinderatswahl im Mai 2019 punkten könnte.

Als sich die Diskussion gegen 20.45 Uhr dem Ende neigt, betritt OB Pelgrim den Raum, nimmt Platz und bestellt etwas zu trinken. „Hermann-Josef, möchtest du ein Grußwort sprechen?“, wird er von Danny Multani gefragt. Pelgrim scheint kurz überrascht, lässt sich aber nicht zweimal bitten – und spricht die Querelen der letzten Wochen an. „Mit mir hat niemand gesprochen, es wurde nur über mich gesprochen. Es verwundert mich, wie mit dem Thema umgegangen wurde“, spielt Pelgrim auf eine nicht öffentliche SPD-Mitgliederversammlung Mitte August an. Monika Jörg-Unfried war damals dabei, er selbst wegen seines Urlaubs an der polnischen Ostseeküste nicht.

Schwäbisch Hall

Nach diesen zwei Sätzen holt Pelgrim zu einem Vortrag über die Haller Stadtentwicklung aus. Statt eines kurzen Grußworts spricht er mehr als 30 Minuten über Bevölkerungsentwicklung, Pendlerbewegungen, Energieversorgung, ausländische Arbeitskräfte, die maroden Bahnhöfe und Verdichtung von Wohnraum.

Jutta Horn macht anschließend ihrer Empörung Luft. „Ich bin enttäuscht über dieses umfangreiche Statement. Deswegen bin ich heute Abend nicht hierhergekommen.“ Auch ihr Mann Christian Horn ärgert sich: „Ich fühle mich unwohl, dass wir in die Rolle der Angeklagten rutschen“, spielt er auf Pelgrims Eingangssätze an. Die Horns stehen auf und verlassen den Saal.

Dann legt Andreas Zoller nach: „Dass uns unterstellt wird, wir hätten die Sitzung im August hinter deinem Rücken gemacht, ist nicht in Ordnung“, sagt er an Pelgrim gewandt. Der OB sei zur nicht öffentlichen SPD-Mitgliederversammlung im August eingeladen gewesen und hätte dort die Chance gehabt, sich mit den Mitgliedern auszusprechen. Wer etwas infrage stelle, werde abgebügelt, äußert Zoller generelle Kritik an Pelgrims Stil, der bisweilen „agressiv“ sei. Freiheit sei auch die Freiheit des Andersdenkenden. „Es ist schade, dass jemand, der inhaltlich so stark ist, mit einer Aktion alles zunichtemacht“, so Zoller.

„Der Umfang der Kritik, die man mir gegenüber äußert, ist größer als andersherum“, entgegnet Pelgrim. Keine andere Fraktion im Haller Stadtrat habe ihm unterstellt, seine Reise nach Namibia sei keine Dienstreise gewesen, nur Jörg-Unfried als stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende habe das behauptet. „Ich habe alles offengelegt, und hätte für die Zeit in Namibia 70 Arbeitsstunden abrechnen können. Trotzdem wird mir unterstellt, es sei keine Dienstreise gewesen“, sagt Pelgrim. Und wiederholt seinen Vorwurf, mehrere SPD-Mitglieder hätten lieber zuerst mit ihm als über ihn reden sollen. Auf Nachfrage nennt er Erika Weihbrecht, deren Leserbrief am 25. Juli im Haller Tagblatt veröffentlicht wurde. Die Berichterstattung des HT über die Namibia-Reise hätte den Charakter von Boulevardjournalismus gehabt, so Pelgrim.

Mehrere Genossen stärken ihm anschließend den Rücken. „Auf der einen Seite die Heldin, auf der anderen der böse OB und die böse Fraktion. Diese Schwarz-Weiß-
Malerei hat mich angeekelt“, sagt Danny Multani.

Es sei Jörg-Unfried gewesen, die bei der Stadtratssitzung am 4. Juli „mit den Ausfälligkeiten angefangen“ habe, nicht der OB, betont Ernst-Michael Wanner. Im Blick auf die Kritik von Jutta Horn ergänzt er: „Wenn jemand der Bitte nachkommt, ein Grußwort zu sprechen und im Nachhinein dafür kritisiert wird, dass er es gemacht hat, dann stimmt etwas im Umgang miteinander nicht.“

„Monika hat unrichtige Vorwürfe erhoben, das konnten wir als Fraktion einfach nicht mittragen“, sagt Helmut Kaiser. Er habe Jörg-Unfried zu einer gemeinsamen Erklärung überreden wollen, dass sie gegenüber dem OB „über das Ziel hinausgeschossen sei“. „Wenn da was kommt, trete ich sofort aus der Fraktion aus“, habe sie geantwortet.

Kaiser kündigt nach der Diskussion eine weitere, diesmal nicht öffentliche Mitgliederversammlung des SPD-Stadtverbands an. „Es soll ein Gespräch sein, wo jeder dem anderen zuhört. Es kann nicht so bleiben, dass bei unseren Treffen immer eine Spannung in der Luft liegt.“

„Wenn wir auch 2019 noch über die Personalquerelen von 2018 reden, dann gehen wir bei der Kommunalwahl baden“, warnt Danny Multani.

Zahlen und Ehrungen beim SPD-Stadtverband


Bei der Jahreshauptversammlung standen keine Wahlen an, dafür wurden langjährige Mitglieder ausgezeichnet: 50 Jahre: Werner Rempp; 40 Jahre: Edgar Blinzinger, Sabine Grauert, Dorothea Braun-Zeuner, Birgit Schatz; 25 Jahre: Jan Honza Griese, Lilli Kaiser-Fischer, Dorothee Walter, Ernst Krauß; 10 Jahre: Jens Beynio, Elke Dette, Peter Ndifor, Maria Schwarz, Harald Körner, Philipp Kröll und Klaus Rauser.

20 neue Mitglieder habe der SPD-
Stadtverband allein 2017 hinzugewonnen. Insgesamt sind es derzeit 241.

48 000 Euro betrage derzeit der Kassenstand des Stadtverbands, verkündet Kassiererin Rose Kröner.

34 Kandidaten möchte die SPD bei der Stadtratswahl 2019 aufstellen. Die Hälfte soll weiblich sein. Gesucht würden vor allem noch Frauen, sagt Helmut Kaiser.