Auktion Die guten Stühle sind weg

Manfred Gentner kann sie noch so hoch heben: Die alten Ratsstühle sind den Hallern keine hohen Summen wert. Umkämpft werden dagegen die Trauzimmer-Stühle.  
Manfred Gentner kann sie noch so hoch heben: Die alten Ratsstühle sind den Hallern keine hohen Summen wert. Umkämpft werden dagegen die Trauzimmer-Stühle.   © Foto: Da kann Manfred Gentner sie noch so in den Himmel heben: Die alten Ratsstühle sind den Hallern keine hohen Summen wert. Umkämpft werden dagegen die barocken Trauzimmer-Stühle. Foto: Beatrice Schnelle
Schwäbisch Hall / Beatrice Schnelle 13.05.2017
Die historischen Sitzgelegenheit aus den Haller Rathaus haben neue Besitzer gefunden. Bei der Versteigerung waren vor allem die Stühle aus dem Trauzimmer beliebt.

Vor dem Haller Bahnhof ist die Hölle los. „I lass glei abschleppa“, warnt ein entnervter Stadtbuskapitän einen Autofahrer, der sich gerade noch über den vermeintlich freien Parkplatz gefreut hat. Stadtrat Nikolaos Sakellariou muss also weitersuchen, bis er seine Karre los wird. Im Bahnhofsgebäude drängeln sich haufenweise Menschen. Sie alle wollen das Gleiche: Einen oder mehrere historische Stühle aus dem Haller Rathaus ergattern, die heute unter den Hammer kommen.

 Viele Stadträte und prominente Gäste haben während der vergangenen 62 Jahre die 32 Ratsstühle schon mit ihrem Allerwertesten geadelt, wie Auktionator Manfred Gentner verkündet: „Präsidenten und Minister haben da gesessen und auf irgendeinem auch Königin Elisabeth, als sie 1965 im Haller Rathaus war“, steigert der Fachbereichsleiter für Bürgerdienste und Ordnung den ideellen Wert der hölzernen Vierbeiner ins Unermessliche.

Berechneter Wert: 38 267 Euro

Er hat sogar die Rechnungen aus dem Jahr 1955 ausgegraben und die dort aufgeführten Summen umgerechnet: „Sie sehen hier einen Gesamtwert von 15 307 D-Mark.“ Die hätten heute inflationsbereinigt einen Wert von 38 267 Euro. Dabei ist die aufwändige Restaurierung der Sitzgelegenheiten vor etwa 30 Jahren nicht mitgerechnet.

Gentner leitet die Versteigerung mit der Eleganz eines Dirigenten, ruft die Summen auf, deutet mit spitzem Zeigefinger auf die Höchstbietenden und lässt den Hammer unermüdlich auf seinen armen Tisch krachen. Das Geschäft mit den etwas steifen, lederbezogenen Ratsstühlen entwickelt sich schleppend. 40 Euro, 60 Euro, so geht das nicht.

Also kommen die 20 samtsitzigen Barockstühle und -hocker aus dem Trauzimmer dran. Da fängt es an, Spaß zu machen. Denn es ist einer im Raum, der möglichst viele davon haben will: Rudolf Bühler richtet gerade Schloss Kirchberg als soziokulturelles Zentrum für seine Bäuerliche Erzeugergemeinschaft ein und erweist sich als harte Konkurrenz. Je um die 190 Euro bringen die stummen Zeugen zahlreicher Hochzeiten im Schnitt. Den Ratsstühlen jedoch hilft auch die Queen nichts: Die letzten gehen für gerade mal 20 Euro weg. Sakellariou schleppt freudestrahlend fünf davon ab. Sie werden fortan im Wartezimmer seiner Anwaltskanzlei Dienst schieben.

 Rund 4000 Euro haben sich am Ende in der Kasse gesammelt. Das Geld kommt der Schuppachburg zugute, die in Hall bedürftigen Menschen Hilfe und anständige Mahlzeiten bietet. Der Haller Restaurator Ernst Stock ist auch da und blickt sinnend den Trauzimmer-Stühlen hinterher, die er vor 30 Jahren aufarbeiten durfte. „Die Frage ist“, spricht der Fachmann, „ob die neuen Stühle im Rathaus in 60 Jahren auch noch so viel bringen, oder ob die dann einfach Sondermüll sind.“

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