Schwäbisch Hall Die Griechen kamen um 5.23 Uhr

Hans-Jörg Eckardt erinnert sich an seine Zeit als Arbeitsvermittler für "Gastarbeiter": "Herzzerreißende Szenen spielten sich auf dem Bahnhof ab, wenn die Frauen ihre Männer mit den kleinen Kindern zurückließen." Foto: Margitta Schmidt
Hans-Jörg Eckardt erinnert sich an seine Zeit als Arbeitsvermittler für "Gastarbeiter": "Herzzerreißende Szenen spielten sich auf dem Bahnhof ab, wenn die Frauen ihre Männer mit den kleinen Kindern zurückließen." Foto: Margitta Schmidt
MARGITTA SCHMIDT 21.11.2013
Zu Hunderten kamen in Zeiten des Deutschen Wirtschaftswunders Arbeitssuchende aus Südeuropa am Stuttgarter Bahnhof an. Hans-Jörg Eckardt hat viele von ihnen empfangen. In Hall berichtet er darüber.

Eckardt war einst der jüngste Arbeitsvermittler in Stuttgart. Im Rahmen der Ausstellung "Hergekommen - hiergeblieben" sprach er am Sonntagnachmittag im Hällisch-Fränkischen Museum über seine damalige Tätigkeit und die Spuren, die sie bei ihm hinterlassen hat. 15 Interessierte hörten gespannt und betroffen zu.

Der Zweite Weltkrieg war vorüber. Die Wirtschaft in Deutschland boomte. Die Arbeitslosenzahl fiel in den Fünfziger Jahren unter 0,1 Prozent und die Firmen suchten verzweifelt nach Arbeitskräften. Nicht nur bei schweren oder schmutzigen Arbeiten entstanden Engpässe: "Alle haben Mitarbeiter gesucht." Dem gegenüber warteten in Griechenland, Italien, Spanien, der Türkei und Jugoslawien viele Zehntausend Menschen oft jahrelang auf eine Ausreise nach Deutschland - in der Hoffnung auf einen gut bezahlten, sicheren Arbeitsplatz.

Genau 50 Jahre vor seinem Haller Vortrag, am 15. Oktober 1963, kam Hans-Jörg Eckardt, der heute in Schwaikheim lebt, erstmalig mit den Anwerbevereinbarungen in Kontakt. Um 5.23 Uhr holte er 34 Griechen auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof ab. Die Männer waren bereits zwei Tage unterwegs gewesen. Von da an war er jede dritte Woche montags bis samstags bis zu fünf Mal täglich dort, um Arbeitswillige in Empfang zu nehmen: "Die Griechen kamen um 5.23 Uhr, die Italiener um 11.05, 15.10 und 16.25, um 17.10 die Türken. Um 23.03 Uhr endete mein Job mit den Spaniern." Oft begleitete er die ausländischen Arbeiter auch ab München bis nach Frankfurt oder Essen. Sprachliche Verständigung war nicht möglich.

Von September 1965 bis 1967 war Eckardt Arbeitsvermittler bei der Deutschen Kommission in Thessaloniki. 50, 100, ja bis zu 233 Bewerber täglich stürmten das Büro: "Alle wollten nach Germania." Was den jungen Mann bedrückte, waren nicht nur die geringen Löhne, die verschiedene Branchen zahlten. Auch die Ausdrucksweise mancher Firmen beschämte ihn. "Vermitteln Sie uns bitte sofort drei Stück Hilfsarbeiter", "wir bitten nachstehende Personen umgehend in Marsch zu setzen" oder "nach Arbeitsschluss kann über die Freizeit nach eigenem Ermessen verfügt werden" stand auf den Vermittlungsaufträgen. "Weder Sozialkompetenz, Teamfähigkeit oder Deutschkenntnisse wurden nachgefragt, lediglich Menschen mit zwei Händen und zwei Füßen, die Hebel bedienen und etwas tragen konnten. Auch Analphabeten durften wir vermitteln. Die unterschrieben mit drei Kreuzen", erinnert sich der 70-Jährige.

Besonders aus Griechenland wurden viele junge Frauen vermittelt, deren Fingerfertigkeiten in der Elektro- und Textilindustrie gefragt war. "Herzzerreißende Szenen spielten sich auf dem Bahnhof ab, wenn sie ihre Männer mit den kleinen Kindern und oft sogar Säuglingen zurückließen." Viele hatten ihr Dorf zuvor nie verlassen.

Die Bilder der Unterkunftsbaracken drängen sich Eckardt noch heute auf: "Die vorgeschriebenen Kubikmeter waren für Hunde vermutlich höher." Viele fanden die Untersuchungen durch die Arbeitsamtsärzte entwürdigend. "Denen wurde wie den Pferden in den Mund geschaut. Die Arbeitgeber hatten für die Vermittlung bezahlt und wollten gesunde Kräfte." Mancher Traum vom guten Job im gelobten Land platzte hier. Wer die Anforderungen nicht erfüllte, wurde trotz jahrelangem Warten und Arbeitsvertrag nach Hause geschickt.

45 Jahre lang war Hans-Jörg Eckardt beim Landesarbeitsamt Stuttgart tätig. Die Erlebnisse haben ihn emotional geprägt. Heute ist er Ehrenamtlicher Pressesprecher des Landesseniorenrates Baden- Württemberg und kümmert sich in dieser Funktion auch um ausländische Senioren in Deutschland.

Führung im HFM