Ich bin froh, dass ich anfangs nicht wusste, auf was wir uns einlassen“, sagt Martina Reichert rückblickend und lacht. Ein ganzes Jahr haben sich die Haller Regisseurin der Freilichtspiele und das Jugendensemble mit Goethes Stück „Faust“ beschäftigt. Schnell zeigte sich, dass diese Produktion enorm viel Zeit in Anspruch nehmen und einige Besonderheiten mit sich bringen wird. Am Samstag, 6. Oktober, feiert das Stück in der Haalhalle seine Premiere. Der Titel „Wir sind Faust“ deutet an, dass das Ensemble eine ganz eigene Inszenierung geschaffen hat.

Die 17 jungen Theatermacher im Alter von 13 bis 24 Jahren haben sich in den vergangenen Monaten intensiv auf die Spuren des wohl bekanntesten Sinnsuchers der deutschen Literaturgeschichte, Heinrich Faust, begeben. Goethes Drama erzählt die Geschichte eines Gelehrten, der durch seine Gier nach Erkenntnis den Augenblick nicht genießen kann.

Unverblümte Spielweise

Unterstützung bekommen die Jugendlichen von Schauspielerin Christine Dorner. Die 70-Jährige war im Sommer als Signora Christina in „Don Camillo und Peppone“ und als Attinghausen in „Wilhelm Tell“ auf der Großen Treppe zu sehen. Für die gebürtige Österreicherin ist das Projekt eine Bereicherung. „Es strömt hier so viel auf mich ein“, sagt Dorner. Sie sei begeistert, mit was für einer Ernsthaftigkeit die Jugendlichen mitmachen und wie unverblümt deren Spielweise ist.

Das Jugendensemble kann sich in diesem Jahr noch über weitere Verstärkung freuen. Die Theater-AG der Sonnenhofschule wirkt ebenfalls beim Stück mit. Unter der Leitung von Dorothée Edeler und Karin Rühle haben die Jugendlichen eine Szene zu Fausts „Hexenküche“ entwickelt. Die Gruppe war bei ein paar Proben in der Haalhalle dabei. „Es werden in manchen Szenen 27 Schauspieler auf der Bühne sein, das ist schon eine Herausforderung“, so Reichert. Durch die Sonnenhofschüler habe sie sofort gemerkt, ob eine Szene funktioniert. „Sie kommunizieren ganz emotional und zeigen auf der Bühne keinerlei Schutzmechanismen“, ist die Regisseurin begeistert. Berührungsängste gab es nie. „Die Jugendlichen haben gleich eine gemeinsame Ebene gefunden: die Herzensebene.“

Um sich dem anspruchsvollen Inhalt des Stückes zu nähern, haben sich die Jugendlichen gefragt, worin sie selbst den Sinn des Lebens sehen. Was möchte ich in der Welt sein? Wie kann ich sie mitgestalten? „Das war ein langer Prozess. Sie haben sich erst gar nicht getraut, sich solche Gedanken zu machen“, blickt Reichert zurück. Sie als Philosophen? Das seien doch ganz andere. „Nach einer Weile habe ich förmlich gehört, wie sich ihre Denkbox doch noch geöffnet hat“, beschreibt Reichert. Sie freue sich besonders über diesen Wachstumsprozess.

Ensemble-Mitglied Gina Schaefer ist ganz ihrer Meinung. „Wir haben aus einer verstaubten Geschichte etwas Greifbares gemacht“, sagt die 20-Jährige. Sie steht zwar selbst nicht auf der Bühne, aber hilft Bühnenbildnerin Anne Brüssel beim Gestalten der Kulissen. Als Reicherts Vertretung hat sie auch die Leitung einiger Proben übernommen. „Ich bin vor allem begeistert, wie viel Weisheit in unseren Jüngsten steckt. Sie haben manchmal Einfälle, auf die ich nie kommen würde“, ist die Lehramtsstudentin beeindruckt. Bei den letzten Proben vor der Aufführung unterstützt Gina, wo sie kann. Jetzt gehe es noch um die Feinheiten. „Leg noch mal nach“, „Sprich deutlicher“, „Noch mehr“ gibt Reichert die finalen Anweisungen.

Sie selbst stand übrigens vor 20 Jahren bei einer Faust-Inszenierung in Wiesbaden auf der Bühne. Sie spielte das Lieschen. Noch heute kann Reichert viele Texte auswendig. „Erst jetzt habe ich gemerkt, wie viel Faust mich durchdrungen hat.“ So schließe sich der Kreis.

Info Die Premiere am Samstag beginnt um 19.30 Uhr in der Haalhalle. Weitere Aufführungen finden am Sonntag, 7., Freitag, 12., Samstag, 13. und Sonntag, 14. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr statt. Karten gibt es auf der Internetseite der Freilichtspiele, unter Telefon 07 91 / 75 16 00 oder bei der Tourist Information.

Überschrift Infokasten


Hier steht der Anlauf, und hier der Text