Geschichte Die Bühlertanner gingen im Mittelalter in die Dampfsauna

Bühlertann / Elisabeth Schweikert 11.08.2018
In Bühlertann über mehr als 400 Jahre hinweg eine Badestube betrieben. Der Besuch des Badehauses war kein Luxus. Im Crailsheimer Stadtmuseum erfahren die Besucher, wie das Baden ablief.

Der Blick aufs Mittelalter ist vielfach verstellt vom Zusatz „finster“ und von der Vorstellung, dass Hygiene damals keine Rolle spielte. Dabei war das für den größten Teil des Mittelalters anders. In fast jedem größeren Dorf, in jeder Stadt gab es Badestuben, in welchen die Menschen sich wöchentlich oder alle zwei Wochen reinigten, berichtet  Friederike Lindner. Sie leitet das Crailsheimer Stadtmuseum im Spital, zu dem eine erhaltene mittelalterliche Badstube gehört.

„Das mittelalterliche Bad funktionierte wie eine Art Dampfsauna“, berichtet sie. „Die Leute wuschen sich, bevor sie den heißen Baderaum betraten. Im Baderaum saßen sie auf Holzbänken und schwitzten. Auf dem gemauerten Badeofen lagen Steine, häufig große Kieselsteine. Auf diese erhitzten ‚Badsteine’ goss der Bader oder der Badeknecht Wasser, um ordentlich Dampf zu erzeugen.“ Nach dem Schwitzen gab es einen kalten Guss. Den verabreichten die Badknechte oder die Badmägde. Das Baden im Badezuber war deutlich teurer und kam erst später stärker in Mode, berichtet die Museumsleiterin.

Oft ließen sich die Badegäste zusätzlich schröpfen. Es gab eine blutige und eine unblutige Form. Bei der einen wurde die Haut geritzt, danach Schröpfköpfe aufgesetzt. Diese haben eine becherartige Form. Die Schröpfköpfe wurden zuvor erhitzt, sodass sie nach dem Aufsetzen und Abkühlen einen Unterdruck erzeugten. Bei der anderen Form wurden die erhitzten Schröpfköpfe nur so aufgesetzt.

Badstuben waren weit verbreitet. Wohlhabende Bürger oder an Höfen hatten die Herrschaften auch private Badstuben. Für Crailsheim sind zwei weitere Bäder im Mittelalter belegt. Auch in Bühlertann suchten die Menschen die örtliche Badstube auf. Zwischen 1337 und 1798 ist verbürgt, dass in der früheren Badgasse 9 (in der heutigen Pfarrgasse 5) ein Badhaus stand. Im Häuserbuch, das der Heimatverein Bühlertann herausgegeben hat, wird die Chronik der Bader aufgezeigt. Übergangsweise, zwischen 1754 und 1798 geht aus dem örtlichen Pfarrarchiv hervor, dass der Bader auch das Handwerk des Chirurgen ausübte. Danach, bis 1838 ist nur noch von einem Chirurgen die Rede.

Friederike Lindner vermutet für Bühlertann eine relativ ähnliche Entwicklung wie in Crailsheim. Bis zum 16., 17. Jahrhundert nutzten die Bürger – auch die Knechte und Mägde – das Bad, um sich zu säubern, um sich im Dampfbad zu regenerieren oder um mittels Schröpfen die Gesundheit zu erhalten. „Das Bad stand allen offen, es war für alle relativ erschwinglich“, berichtet sie. „Ähnlich, wie man heute Trinkgeld gibt, gab man damals Badgeld. Ins Badhaus zu gehen, war kein Luxus.“

In vielen Orten waren die Badstuben Einrichtungen, die von der Stadt, einem Kloster oder einem Spital betrieben wurden. Diese legten auch die Badeordnung fest, etwa, wann Männer, wann Frauen das Bad nutzen durften. Man ging nicht unbekleidet in die Dampfsauna, „Männer hatten ihre Bruch, die Unterhose an. Frauen trugen einen Schurz.“ Ob es, wie mancherorts festgehalten ist, zu unzüchtigen Handlungen gekommen ist, lasse sich nicht belegen. „Es gab sicher auch Badebordelle, aber die Quellenlage ist schwierig.“

Das Crailsheimer Bad liegt nahe der Jagst, das Bühlertanner gerade mal 15 Meter von der Bühler entfernt. Wurde das Wasser vom Fluss benutzt? Friederike Lindner zögert mit der Antwort. Das Abwasser in Crailsheim wurde Richtung Fluss abgeleitet, in Bühlertann sicherlich auch. Fürs Baden holten in Crailsheim die Bader das Wasser aus einem eigenen Brunnen, der neben dem Badhaus stand. In manchen Badstuben gab es den Brunnenstock im Raum selbst.

Bader wurden Chirurgen

Was bereitete dem Baden das Aus? Es kamen mehrere Faktoren zusammen, erzählt die Museumsleiterin. Holz wurde im 17. Jahrhundert knapp und damit teuer, es gab andere Vorstellungen von Hygiene. „Man war der Auffassung, dass durch die beim Baden erweiterten Poren Krankheiten in den Körper eindringen würden.“ Zudem trat damals eine besonders aggressive Form der Syphilis auf, die von Matrosen nach Europa gebracht wurde. Mancherorts gerieten die Badestuben in Verruf, es hieß, dass die Krankheit durch Liebesdienste der Badersmägde übertragen wurde. Das Baden geriet aus der Mode, Puder und Parfum ersetzten die Körperhygiene.

Mit dem Ausbleiben der Kundschaft suchten sich viele Bader ein weiteres Standbein, um ihr Auskommen zu sichern, berichtet Lindner weiter. Sie übernahmen die Aufgaben von Barbieren, Friseuren oder die von Chirurgen. In Crailsheim war 1761 der öffentliche Badebetrieb nicht mehr relevant. Ganz ähnlich in Bühlertann: Ging 1771 das Badhaus an Philipp Nerius Franck, einen Badergesellen aus Jagstzell, folgten ihm 1777  ein Chirurg und Bader, 1798 wurde das Haus erneut an einen Chirurg abgegeben. 1838 scheint die Tradition des Hauses als Bade- und Heilpraxis beendet zu sein. Es wird an Josef Köhle, den Schultheiß von Bühlertann verkauft.

Mittwochs und an Wochenenden geöffnet

Die mittelalterliche Badestube im Crailsheimer Stadtmuseum ist einen Besuch wert. Mittwochs ist es von 9 bis 19 Uhr geöffnet, samstags von 14 bis 18 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr. sel

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel