Integration Der Montag gehört Maria

Annette Cölsch-Limbacher (links) und Schützling Maria Dias bei einer gemeinsamen Lieblingsbeschäftigung: Eis essen.
Annette Cölsch-Limbacher (links) und Schützling Maria Dias bei einer gemeinsamen Lieblingsbeschäftigung: Eis essen. © Foto: Foto: privat
Schwäbisch Hall / Sonja Alexa Schmitz 14.09.2018
Annette Cölsch-Limbacher ist Mentorin des Awo-Projektes Ansporn Plus. Sie unterstützte fünf Jahre lang die junge Portugiesin Maria Dias.

„Jetzt ist Maria weg“, sagt eine traurige Stimme in Annette Cölsch-Limbacher. An jenem Tag der Verabschiedung hat sie das noch nicht ganz realisiert. Das Schuljahr ist vorbei, die Deutsche und ihre junge portugiesische Freundin beenden es mit einem Besuch in der Eisdiele. Maria Dias überreicht ihrer Mentorin Blumen: „Ohne Sie hätte ich das nicht geschafft.“ Die Schülerin hat Abitur gemacht, obwohl sie vor fünf Jahren, als sie nach Deutschland kam, noch kein Wort Deutsch konnte. Ihr Vater ist einst dem Aufruf gefolgt, Portugiesen würden in Hall gesucht – und wurde vom Steuerberater zum Lastkraftfahrer. Die Eltern sprechen bis heute kaum Deutsch.

Eva Beyerhaus von der Arbeiterwohlfahrt sprach Annette ­Cölsch-Limbacher an, die zuvor bereits Mentorin eines Tandems war, um die beiden miteinander in Kontakt zu bringen. Ein Volltreffer: eine gereifte Perfektionistin und eine junge Ehrgeizige.

Ohrringe zum Abitur geschenkt

Bei den ersten Treffen plauderten sie locker, um sich ein bisschen kennenzulernen. Maria erzählte von daheim, ihren Eltern und ihrem behinderten Bruder. Erst auf Deutsch, wenn nichts mehr ging, behalf sich das Duo mit Englisch. „Wir haben zusammen den Hauptschulabschluss gemacht“, sagt die 53-Jährige.

Dann wechselte die Schülerin auf die Sibilla-Egen-Schule. Das Tandem traf sich dort jeden ­Montag. Per Smartphone-Messenger hielten sie sich auf dem Laufenden. Darüber, wie die Deutschstunde war und zuletzt auch über die Wahl des Abi-Kleids.

In fünf Jahren sind die Hallerin und die Portugiesin Freundinnen geworden, obwohl Maria stets „Sie“ und „Frau Limbacher“ sagte. Die 53-Jährige schenkte ihrem Schützling Ohrringe zum bestandenen Abitur. Zur Feier konnte die Mentorin nicht mit, weil es nur zwei Plätze gab, die natürlich den stolzen Eltern vorbehalten waren. Wenngleich es die Mentorin war, die manchen Elternabend besuchte und sich auch einsetzte, als es einmal Probleme in der Schule gab. Ungerechtigkeit kann die Frau, die sich bereits als 15-Jährige ehrenamtlich engagierte, nicht leiden.

Bei den wöchentlichen Treffen mit Maria musste Cölsch-Limbacher selbst noch einmal Lernstoff nachholen – und manch knifflige Frage beantworten: Was ist ein Akkusativ? Was ist die Besonderheit der Gedichtform Haiku?

Zweifel an der Aufgabe hatte die  Soziologin aber nicht. Annette Cölsch-Limbacher möchte allen Menschen Mut machen, sich dieser dankbaren Tätigkeit zu widmen. Für sie sei es kaum mitanzusehen, dass jemandem nichts zugetraut wird, wenn er „nicht aus gutem Hause“ kommt. „Wichtig ist, wie jemand aufgefangen ist“, erklärt sie: „Es gibt keine Probleme, die man nicht lösen kann.“

Nun ist Maria Dias zurück in Portugal, weil sie dort Pharmazie studiert. Diesen Wunsch hat sie gemeinsam mit ihrer Mentorin entwickelt. Nach dem Studium möchte sie gerne nach Deutschland zurückkommen. Und bis dahin wird die Hallerin sie auch in Portugal besucht haben.

Info Von 14. bis 23. September wird bundesweit die Woche des ehrenamtlichen Engagements begangen. Morgen, Samstag, gibt es dazu von 10 bis 13 Uhr den Haller Markt der Möglichkeiten im Froschgraben. Vereine und Organisationen stellen sich vor und werben um Ehrenamtliche.

Vielfältige Hilfestellungen für benachteiligte Jugendliche

Annette Cölsch-Limbacher stammt aus Hall. In München absolvierte sie eine Ausbildung zur Tanztherapeutin. Dann studierte sie in Heidelberg und Mannheim Soziologie und Betriebswirtschaft. In Stuttgart arbeitete sie in der Marktforschung. Zurück in Hall, mit Mann und einem erwachsenen Sohn, leitete sie zunächst die evangelische Familienbildungsstätte und war Projektleiterin bei der Arbeiterwohlfahrt.

Das Projekt „Ansporn Plus“ der Awo möchte Jugendliche mit Migrationshintergrund und andere benachteiligte Jugendliche fördern. Ehrenamtliche Mentoren sollen den Jugendlichen helfen, positiv in die Zukunft zu gehen. Neben der individuellen Begleitung gibt es berufspä­dagogische Seminare. Je nach Bedarf werden die Jugendlichen unterstützt: Beratung bei der Berufswahl, Bewerbungstraining, Hilfe bei der Suche nach Ausbildungs- und Praktikumsstellen, Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche und Einstellungstests, Stärkung des Selbstvertrauens und Durchhaltevermögens oder Beratung der Eltern. Das Projekt wird gefördert von der Stadt Hall und der Agentur für Arbeit. sasch

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel