Künstler Der mit dem Kugelschreiber tanzt

Leidenschaftlicher Zeichner mit einem Faible für surreale Bilderwelten: Helmut Brandt vor einem seiner Werke.
Leidenschaftlicher Zeichner mit einem Faible für surreale Bilderwelten: Helmut Brandt vor einem seiner Werke. © Foto: Bettina Lober
Schwäbisch Hall / Bettina Lober 14.03.2018

Eine riesige Rübe wächst über die Dächer eines Dorfes, die Blätter ragen weit in den Himmel. In manchen pflanzenähnlichen Gebilden kann der Betrachter entgleisende Gesichtszüge entdecken. Und auf einem anderen Blatt scheinen die Linien ein ganz freies Spiel von Formen und Schwüngen zu vollführen.

Dies und vieles mehr ist in den Arbeiten von Helmut Brandt zu entdecken, die derzeit in den Räumen der Deutschen Bank in Hall zu sehen sind. Der 84-Jährige hat seiner Schau den Titel „Lob dem Kugelschreiber“ gegeben. „Ein Kuli ist in der Regel nicht das nahe liegende Medium, um Kunst zu machen“, bemerkt Kunsthistorikerin Ursula Angelmaier bei der Vernissage lächelnd. Sie weiß genau, dass gerade dieser zuweilen verunglimpfte Stift gut zu einem unkonventionellen Künstler wie Helmut Brandt passt.

Kuli vielseitig einsetzbar

Dieser ist ein experimentierfreudiger Mensch, der schon viele künstlerische Techniken ausprobiert hat: Öl auf Leinwand, Acryl, Tempera, Linolschnitt, Radierung, Rohrfeder – und jetzt eben der Kuli. Wohl ein verkanntes Zeichengerät. „Man kann damit ungestüme Linien zeichnen oder auch ganz zart über das Papier streicheln“, erklärt er entzückt.

Figürliches, Abstraktes, Ironie, Kritik, Schönes und Hässliches – in Brandts kleinformatigen Kugelschreiberwelten ist das alles zu entdecken. Und ebenso: Brandts Humor – auch, wenn dieser mitunter ziemlich schwarz ist. Seine sorgfältig gezeichneten essenden Männer sind eigentlich recht unappetitliche Esser. Brandts ironischer Blick kommt halt auch recht bissig daher.

Eine andere Arbeit zeigt ein rätselhaftes Gebilde – eine Mischung aus Pflanze, Tier und Stein –, das Brandt mit einem kleinen Mäulchen voll spitzer Zähne versieht. Gepaart mit dem Titel „Noch unentdeckte Tierart aus dem Urmeer zur Ammonitenzeit“ ist das surreale Wesen ein Vergnügen. Spitzbübisch karikierend und mit Augenzwinkern stattet er seine fantastischen Landschaften und Fabelwesen auch mit einer Portion Selbst- und Zeitkritik aus. „Wenn man sich erlaubt, Ab­straktes auf das Papier zu bringen, dann sollte man auch das andere können“, sagt Brandt. Und dass er das Zeichnen realistischer Figuren, von Pflanzen, Tieren und Landschaften beherrscht, zeigt sich gerade in den Fantasiewelten.

Als Künstler ein Autodidakt

Dabei ist der 84-Jährige als Künstler ein Autodidakt. Sein Faible für die bildende Kunst hat sich erst im Laufe der Jahre entwickelt. Zunächst galt sein Interesse eher der Musik. Die pflegt der gebürtige Hamburger und überzeugte Wahl-Haller freilich auch heute – zum Beispiel, wenn er gemeinsam mit seiner Frau Renate im Liederkranz Rieden mitsingt.

Brandt hat in Hamburg Latein und Französisch studiert. In Trier hat er bei einem Vorbereitungstreffen für Junglehrer, die ein Jahr lang in Frankreich unterrichten wollten, eine junge Frau aus Bruchsal kennengelernt: seine jetzige Ehefrau Renate. An Ostern 1961 zogen die beiden nach Hall, im Sommer heirateten sie. Helmut Brandt unterrichtete 32 Jahre lang am Haller Gymnasium bei St. Michael. Zu seinen Fremdsprachen kamen dort die Fächer Biologie und Bildende Kunst hinzu. Brandt hat selbst viele Kurse besucht. Das Skizzenbuch, in dem er viele Eindrücke festhält, wurde sein treuer Begleiter.

Helmut Brandt geht mit offenem Blick durch die Welt. Überall scheint die Inspiration zu lauern. Eine gewisse Vorliebe hat er für die Vogelwelt entwickelt. Brandt ist nicht nur ein versierter Kenner der Ornithologie, der beim Naturschutzbund auch mal vogelkundliche Spaziergänge leitet. Immer wieder lässt er die gefiederten Wesen in seinen Arbeiten auch als Fantasiewesen auftauchen.

Info Die Ausstellung „Lob dem Kugelschreiber“ mit Werken von Helmut Brandt ist montags bis freitags von 9 bis 12.30 Uhr in den Räumen der Deutschen Bank in Schwäbisch Hall (Im Haal 13) zugänglich.

Hamburger wird in Hall heimisch

Helmut Brandt wurde am 11. Oktober 1933 in Hamburg geboren. Dort hat er von 1952 bis 1958 ein Fremdsprachenstudium absolviert. 1961 kam er nach Hall, wo er seine Frau Renate heiratete. Das Ehepaar hat zwei erwachsene Töchter. Von 1961 bis zum Beginn seines Ruhestands im Jahr 1993 unterrichtete Brandt am Gymnasium bei St. Michael in Hall. Seit den 60er-Jahren befasst sich der musikalische Pädagoge intensiv mit der bildenden Kunst. Seine erste Ausstellung gestaltete er 1983, der viele in Hall und Umgebung folgten, sowie auch in Halls französischer Partnerstadt Épinal, in Neustrelitz oder in Sinsheim. Über Jahre war Helmut Brandt als Kunstberichterstatter für diese Zeitung tätig. Die künstlerische Arbeit gehört zu seinem Alltag. blo

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