Trauer Der Kunst ein Gesicht gegeben

Lun Tuchnowski packt mit an, als 2004 seine Arbeiten für die Ausstellung „Innen – Außen“ in Crailsheim aufgestellt werden.
Lun Tuchnowski packt mit an, als 2004 seine Arbeiten für die Ausstellung „Innen – Außen“ in Crailsheim aufgestellt werden. © Foto: Archiv/Andreas Harthan
Schwäbisch Hall / Bettina Lober 01.09.2018
Mit seinen Arrangements hat Lun Tuchnowski die Ausstellungen der Sammlung Würth geprägt. Der Bildhauer starb 72-jährig.

Er lebte in München, doch Schwäbisch Hall und Hohenlohe war Lun Tuchnowski, seit vielen Jahren in besonderer Weise verbunden – vor allem der Sammlung Würth. Dort hat die Nachricht von seinen Tod tiefe Betroffenheit ausgelöst, trauert man doch nicht nur um einen „leidenschaftlichen Rat- und Formgeber“, sondern auch um einen Freund. Am Montag ist der Bildhauer im Alter von 72 Jahren einer schweren Krankheit erlegen, der er sieben Jahre lang tapfer getrotzt hat. „Durch seinen wenn auch absehbaren Tod ist im Kunstbetrieb bei Würth eine große Lücke entstanden, die wir werden schließen müssen, nicht ohne jedoch Luns Andenken und sein großartiges form- und gestaltgebendes Vermächtnis zu bewahren“, sagt Sylvia Weber, Geschäftsbereichsleiterin Kunst und Kultur in der Würth-Gruppe und Sammlungsdirektorin.

Bei den Präsentationen in der Haller Kunsthalle Würth, in der Johanniterkirche in Hall, im Museum Würth in Künzelsau-Gaisbach und in vielen anderen Räumen hat Tuchnowski als Ausstellungsarchitekt darauf geachtet, dass die Arbeiten ideal zur Geltung kommen, ohne dabei den Raum oder die Umgebung zu vergessen. Sensibel und zugleich mutig schuf er wohldurchdachte Kunst-Arrangements. Oftmals war Tuchnowski der Mann im Hintergrund, der Planer und Denker, der Raum sowie Objekte mit Sorgfalt durchdrang, sie in Bezug zueinander setzte. Seine Brille trug er am Bändchen um den Hals, prüfte immer wieder mit kritischem Blick die Anordnung der Werke, und er packte mit an. Nie im Vordergrund, aber stets präsent, hat er dem Betrachter auf dezente Weise viele erhellende Einblicke ermöglicht.

Dankbares Lob von Tomi Ungerer

Beispielsweise als vor zehn Jahren die Johanniterkirche als neue Heimat der Alten Meister in der Sammlung Würth eröffnet wurde. „Es geht um zwei Komplexe: das Gehäuse der Kirche und die Alten Meister“, beschrieb Tuchnowski die herausfordernde Aufgabe. Monatelang hat der Bildhauer anhand eines selbst gebauten Modells die Gruppierungen der Werke ausgetüftelt – um das Kirchenschiff auch in der Funktion eines Museums weiterhin wirken zu lassen. Es ist ihm gelungen. In besonderer Weise sicherlich bei der Holbein-Madonna, die er vor sieben Jahren gemeinsam mit dem Würth-Team in der Johanniterkirche neu in Szene setzte – und die Betrachter „in eine neue Dimension des Staunens“ versetzte, sagt Sylvia Weber. Auch Tomi Ungerer, dessen Werke 2010 in der Kunsthalle Würth in einer großen Ausstellung gezeigt wurden, sprach Tuchnowsi ein dickes Lob aus: Er habe es geschafft, „dass jetzt alles fließt“, seine Dankbarkeit kenne keine Grenzen.

Auf der Basis seines umfangreichen Wissens um die Sammlung Würth habe sich Tuchnowski auf mehr als 140 Ausstellungsprojekte aus 500 Jahren Kunstgeschichte eingelassen „und gab ihnen ein Gesicht“, erklärt Sammlungsdirektorin Sylvia Weber: „Er bewies dabei Haltung, hatte gute, ganz wunderbare Ideen und setzte diese unnachgiebig und mit zwingender Überzeugungskraft im Team durch. Wirtschaftliche Realisierbarkeit waren dem ,Nachkriegskind‘ genauso Credo wie Struktur, Ordnung und das allabendliche Aufräumen. Jede Materialverschwendung war ihm verhasst.“

Lun Tuchnowski, der mit der Architektin Barbara Kress verheiratet war, wurde am 30. Mai 1946 in Deiningen am Ries geboren. Von 1967 bis 1971 studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in München. Er war Meisterschüler bei Robert Jacobsen, Assistent bei Gerd Winner und 1983 unter Jacobsen Dozent an der Königlich Dänischen Kunstakademie Kopenhagen. Gemeinsam mit dem dänischen Künstler hat er in den späten 80er-Jahren die imposante Skulptureninstallation vor der Würth-Zentrale in Gaisbach geschaffen. Seit 1989 ist er selbst mit Werken in der Sammlung Würth vertreten, die bereits weltweit in vielen Ausstellungen gezeigt wurden. 1993 ist er der erste Künstler, der mit dem von der Stiftung Würth ausgelobten Robert-Jacobsen-Preis ausgezeichnet wird.

„Als Bildhauer ist Lun Tuchnoswki ein heimlicher Geschichtenerzähler“, sagt Sylvia Weber. Er habe dem in der Kunstwelt schwelenden Konflikt zwischen gegenständlicher und abstrakter Darstellung eine „höchst originelle Mischform abgewonnen“, würdigt der Kunsthistoriker Gottfried Knapp den Bildhauer in seinem Nachruf für die Süddeutsche Zeitung: „Ja, in seinen Plastiken erzeugen die quasi unvereinbaren Elemente eine Spannung, die sich in den Raum überträgt, öfters aber auch zum Schmunzeln einlädt.“ Lun Tuchnowski arbeitete mit Aluminium, Zink und Stahl, mit Holz, Beton, Fiberglas und Gips. Eindrucksvoll halten seine Werke die fragile Balance zwischen Ruhe, Kraft und Dynamik. Sie werden bleiben und an ihn, seine einfühlsame und weitsichtige Bedachtsamkeit, seine Entschiedenheit, seine Energie und an seine humorvolle Art erinnern.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel