Künzelsau / JÜRGEN STEGMAIER  Uhr
Fräulein Raid war in der Erinnerung von Reinhold Würth wahnsinnig streng, aber gerecht. Als die Oberschul-Lehrerin dem jungen Würth mit dem Stecken auf die Finger gegeben hat, da konnte sie nicht wissen, dass diese Lektion bleibenden Eindruck hinterlassen würde.

Fräulein Raid war in der Erinnerung von Reinhold Würth wahnsinnig streng, aber gerecht. Als die Oberschul-Lehrerin dem jungen Würth mit dem Stecken auf die Finger gegeben hat, da konnte sie nicht wissen, dass diese Lektion bleibenden Eindruck hinterlassen würde. Reinhold Würth lacht heute darüber. "Fräulein Raid hat mich unglaublich geprägt." Und er geht davon aus, dass die Lehrerin auf die ganze Klasse großen Einfluss hatte. Auch Würths Oberschul-Klassenkamerad Gerhard Sturm gründete ein Welt-Unternehmen: EBM-Papst. Oder Klaus Ziegler. Er wurde zunächst Vorstand, später Aufsichtsrat bei der Siemens-Tochter Epcos. Und Heinz Nerlich schaffte es zum Richter am Stuttgarter Oberlandesgericht.

Streng und gerecht - das sind zwei Begriffe, die Reinhold Würth auch für sich in Anspruch nimmt. Für den Unternehmer passt es durchaus zusammen, dass er einerseits mit seinen Mitarbeitern in Frieden leben will, ihnen andererseits Briefe schreibt oder persönlich anruft, um ihnen nahezulegen, sich mehr reinzuhängen.

Der Mann, der ein Imperium erschaffen hat, sieht seine Aufgabe nicht darin, mit seinen Mitarbeitern zu kuscheln. Aber er weiß, dass er ihnen vieles zu verdanken hat. "Ich hatte immer die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Platz", sagt Würth beim Frühstück an einem sonnigen Frühlingstag. Nicht selten sind Menschen, die keinem Konflikt aus dem Weg gehen, harmoniebedürftig. Sie wollen die Dinge geklärt haben. Was lässt Sie schlecht schlafen? Reinhold Würth überlegt ein Weilchen. "Wenn ich das Gefühl habe, jemand zu forsch angegangen zu haben. Ich nehme dann schnellstmöglich Kontakt auf, um die Sache nochmals zu erklären."

Ziel: Unternehmen in einem super Zustand hinterlassen

Von seinen "richtigen Leuten" im Management erwartet Würth, dass sie von 100 Entscheidungen 60 richtige treffen - 50 wären ihm zu wenig. Dass auch er selbst manchmal danebenliegt, räumt er ein. Den Einstieg ins Solargeschäft sieht er als seinen größten unternehmerischen Fehler. "Das hat uns einen dreistelligen Millionen-Betrag gekostet. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass das so in die Hecke geht."

Freilich ist der Spezialist für Befestigungstechnik und einiges andere deshalb erfolgreich, weil die überwiegende Anzahl an unternehmerischen Entscheidungen richtig war und ist. Reinhold Würth denkt dabei an zwei Übernahmen, die er gegen die Einschätzung seines Konzern-Managements durchgesetzt hat. Dazu gehört die von Arnold in Ernsbach. Das Unternehmen stellt noch selbst Schrauben her - ein scheinbar simples Geschäft, dem viele in Deutschland keine Zukunft einräumten. "Das ist heute ein Prachtsunternehmen", freut sich der Konzernherr. Auch als Würth sich anschickte, den insolventen Betrieb von Hahn und Kolb in Stuttgart zu übernehmen, hätten einige die Nase gerümpft. "Das ist heute ein schöner und stolzer Betrieb", freut sich Reinhold Würth.

Steueranzeige schlaucht den Unternehmer bis heute

Dass er wunde Stellen hat, räumt der 80-Jährige ein. Noch immer schlaucht es ihn, wenn er an die Steueranzeige zurückdenkt, die ihm eine Vorstrafe eingebracht hat: "Das wird mich bis an mein Lebensende begleiten." Würth betont mit Entschiedenheit, dass er nie auch nur einen Euro Schwarzgeld besessen habe. Anwaltlich sei er damals miserabelst beraten gewesen. Er sieht ein krasses Missverhältnis zu den Steuerhinterziehern, die sich selbst anzeigen und teilweise straffrei ausgehen.

Die Fragen nach dieser Steueranzeige, die knapp zehn Jahre zurückliegt, beantwortet Würth so geduldig wie die nach seiner doppelten Staatsbürgerschaft (Österreich) oder einem Wohnsitz in Salzburg. Dass es im Stammunternehmen Adolf-Würth GmbH&Co. KG in Künzelsau keinen Betriebsrat gibt - im Gegensatz zu zahlreichen Unternehmen, die übernommen wurden -, verteidigt Reinhold Würth leidenschaftlich. Gebe es einen Betriebsrat, würde Würth als Handelsunternehmen seine Mitarbeiter nach dem Tarif der Vereinigten Dienstleistungsgesellschaft bezahlen. Und dieser würde unterhalb dessen der IG Metall liegen, an denen sich die Konzernmutter orientiert. "Das will keiner der Mitarbeiter", behauptet der Gründer, der sich einerseits längst aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat (1994), andererseits aber täglich noch 20 Briefe diktiert - manche auch an die Führung seines Konzerns.

Zuletzt war Reinhold Würth zwei Monate auf seiner Yacht in der Karibik unterwegs. Auch dort habe er drei bis vier Stunden täglich gearbeitet und diktiert. "Viele haben gar nicht gemerkt, dass ich weg war." Im Lauf der vergangenen 20 Jahre seien rund 150 .00 Briefe, Texte und Verlautbarungen geschrieben worden.

Legendäres Faible für die Kunst

Legendär ist Reinhold Würths Faible für die Kunst. Das Museum in Gaisbach und die Kunsthalle in Schwäbisch Hall ("ein Spektakel für die Stadt") zeigen allenfalls einen kleinen Teil seiner viele Millionen schweren Sammlung. Reinhold Würth gibt die Anzahl der Werke mit rund 16000 an. Auszüge davon sind nicht nur in Hall und Gaisbach zu sehen, sondern in weiteren 13 Museen und Dependancen.

"Im Februar habe ich mich entschlossen, nicht mehr zu fliegen", sagt der leidenschaftliche Pilot, der seine Düsenjets selbst über den Atlantik steuert. Nach einem Flug von Wien nach Schwäbisch Hall habe er den Düsenjet im Hangar abgestellt und den Steuerknüppel aus der Hand gegeben. 7000 Flugstunden sind für Reinhold Würth registriert. Würth rechnet diese flugs um: Gemessen an einem Arbeitsmonat mit 200 Stunden sind dies nahezu dreieinhalb Jahre.

Was treibt Reinhold Würth an? Die Antwort darauf ist vielleicht in seinen Ausführungen über die Zukunft zu finden. "Es müsste mich nicht mehr interessieren, was in 30 oder 40 Jahren ist. Aber ich möchte das Unternehmen in einem super Zustand hinterlassen." Ein wenig stolz sei er schon, auf das, was gelungen ist. "Das Unternehmen wäre nicht so groß geworden, wenn ich nicht dagewesen wäre", sagt Reinhold Würth. Überdurchschnittliche Leistung könne nur dann zustande kommen, wenn jemand an der Spitze steht, der Verantwortung übernimmt und seine Vorstellungen durchsetzt.

Reinhold Würth hat sein Vermögen vor mehr als 20 Jahren in eine Stiftung überführt. "Ich habe gesehen, wie manche Unternehmer-Familien im Erbgang gelitten haben", sagt der Stiftungsratsvorsitzende. Dies wolle er seiner Frau, den drei Kindern sowie einigen Enkelkindern ersparen. Bei Würth sei alles geregelt, "schön sauber strukturiert und justiziabel".

Seinen 80. Geburtstag feiert Reinhold Würth heute in Künzelsau. Über die Gästeliste sei er nur ansatzweise informiert. "Um meinen Geburtstag habe ich mich nur wenig gekümmert."