Schwäbisch Hall Der einzige Haller Kriegsverbrecher?

Schwäbisch Hall / GOTTFRIED MAHLING 22.10.2014
70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs scheint die Aufarbeitung der lokalen NS-Geschichte längst nicht abgeschlossen. Lediglich ein Mann aus Schwäbisch Hall erlangte traurige Berühmtheit - zumindest bislang.

"August Häfner? Dem gehörte doch das Wein- und Spirituosengeschäft in der Gelbinger Gasse. Ein netter Herr ist das gewesen. Jemand, dem man so etwas nie zugetraut hätte." Einige ältere Haller können sich bei der Diskussionsrunde vergangene Woche im Hällisch-Fränkischen Museum noch sehr gut an jenen Mann erinnern, der über Jahrzehnte bis zu seinem Tod im Jahr 1999 ein "ganz normales" gutbürgerliches Leben führte.

Dass sich hinter der Fassade einer der größten Kriegsverbrecher Baden Württembergs verbarg, ist spätestens seit den 60er-Jahren allgemein bekannt. Und doch ist Häfners Kurzbiografie heute die einzige in der Reihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer", die sich mit einem Mann aus Schwäbisch Hall beschäftigt.

War Hall tatsächlich eine Stadt ohne überzeugte Nationalsozialisten, die während der NS-Zeit oder später in der Bundesrepublik Karriere machten? Und gab es außer August Häfner keine Wehrmachts- oder SS-Angehörige aus der Region, die im Zweiten Weltkrieg Verbrechen begingen? Wolfgang Proske, Herausgeber des Bandes "NS-Belastete aus dem östlichen Württemberg", hält das für unwahrscheinlich.

"Wir sollten uns der lokalen NS-Vergangenheit stellen", fordert Proske. Und betont: Jeder Geschichts-Interessierte könne mithelfen, dass mit Blick auf das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte die eigene Heimat nicht länger totgeschwiegen wird. Obwohl man derzeit vorrangig an den Bänden vier und fünf von "Täter Helfer Trittbrettfahrer" arbeite und dabei den Fokus auf Oberschwaben und Bodensee-Region lege, würden weitere Kurzbiografie-Autoren aus Schwäbisch Hall und Umgebung gesucht. Um am Buchprojekt mitarbeiten zu können, müsse man keineswegs Historiker mit Hochschulabschluss sein.

"Interesse an Geschichte ist die wichtigste Voraussetzung", sagt Proske. Allerdings müsse man viel Zeit und Idealismus mitbringen. Denn die Fahrt in Archive kostet Geld, die dortige Arbeit ist oft mühsam, da Akten schwer zugänglich sind oder ganz bewusst kurz nach Kriegsende verbrannt wurden. 200 Euro könne er jedem Autoren dank Sponsoren als Honorar anbieten - eher ein symbolischer Betrag.

19 Kurzbiografien haben den Weg in den aktuellen Band gefunden. Portraitiert werden unter anderem der Künzelsauer Friedrich Schmidt, der als stellvertretender Gauleiter Württembergs Karriere machte. Ebenso Martin Bormanns Adjutant Karl Kronmüller aus Heidenheim oder der Mörder der "Männer von Brettheim", Max Simon.

Und natürlich SS-Obersturmführer August Häfner. Als Teilkommandoführer des hinter der deutschen Ostfront in der Ukraine eingesetzten Sonderkommandos 4a der Einsatzgruppe C war der gelernte Küfer aus Schwäbisch Hall für die Ermordung tausender Juden verantwortlich. Autor Harald Zigan lässt mehrere Zeugen zu Wort kommen, die von Häfners Greueltaten im Jahr 1941 berichten. Deren Ausmaße sind damals wie heute unvorstellbar, die mitunter sehr detaillierten Schilderungen machen sprachlos.

So zählen die Ermordung von 90 Kindern bei Bjelaja Zerkow oder die Erschießung von 34000 Männern und Frauen in der Schlucht von Babyn Jar bis heute zu den größten Kriegsverbrechen der Menschheitsgeschichte.

Das Buchprojekt

Die zweite Auflage der Biografien-Sammlung "Täter Helfer, Trittbrettfahrer - NS-Belastete aus dem östlichen Württemberg" ist in mehreren Haller Buchhandlungen erhältlich und kann im Internet bestellt werden unter bestellwerk@leibi.de.

Weitere Informationen zum Buchprojekt und zu einer möglichen Mitarbeit gibt es unter www.ns-belastete.de

SWP

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel