Schwäbisch Hall Der dienstälteste Haller Bäckermeister Karl Kronmüller hört auf

VERENA BUFLER 10.12.2015
Zum Jahresende klingt eine mehr als 100-jährige Tradition aus: das Bäckerhandwerk der Familie Kronmüller in der Gelbinger Gasse. Der Bäckermeister verabschiedet sich in den Ruhestand - fast ohne Wehmut.

Mit 60 Jahren soll einmal Schluss sein - das hat sich Karl Kronmüller vorgenommen. Jetzt ist er 60 - und zum Ende des Jahres wird das Aufstehen um drei Uhr in der Früh der Vergangenheit angehören. Der Bäckermeister freut sich darauf, so manchen Abend im Kreis seiner Lieben zu verbringen, ohne an den Wecker zu denken. Und er kann es kaum erwarten, mehr Zeit für seine Hobbys zu haben. Er plant anspruchsvolle Klettertouren mit seinen Söhnen und ausgedehnte E-Bike-Touren mit seiner Lebensgefährtin Ulricke Munk.

Die Vorfreude darauf erleichtert ihm den Abschied. Doch ein bisschen Wehmut ist spürbar beim dienstältesten Bäckermeister Schwäbisch Halls. Seine Lieblinge werden ihm fehlen - die mit den drallen Ärschen. Das ist Bäckersprache für den dicken Teil der Brezel. Damit Karl Kronmüller nicht auf seine Lieblinge am Morgen verzichten muss, hat er vorgesorgt: mit einem Holzbackofen in seinem Haus in Gnadental.

Während der Bäckermeister erklärt, weshalb die "dürre bayerische Brezel" niemals mit ihrer wohlgeformten Schwester aus dem Ländle mithalten könne, muss er plötzlich schmunzeln. In einem Fotoalbum hat er ein Schwarz-Weiß-Bild entdeckt, das ihn als etwa vierjährigen Buben zeigt: auf dem Kopf eine weiße Bäckersmütze, in der Hand eine Brezel, die Zunge rausgestreckt und frech grinsend. Er ist mit dem Bäckerhandwerk groß geworden. Schon sein Vater führte die Handwerksbäckerei in der Gelbinger Gasse. Und davor sein Großvater. Leider hat er von den beiden nicht nur ein gut laufendes Geschäft "geerbt", sondern auch die Mehlstauballergie. Als er jünger war, rief das Bäckerasthma bei ihm immer wieder Erkältungen hervor. "Heute habe ich gute Medikamente und treibe mehr Sport." Dennoch ist er gesundheitlich eingeschränkt, seitdem er vor einigen Jahren an der Hüfte operiert wurde - auch das ein Grund für ihn aufzuhören, "solange ich meinen Ruhestand noch genießen kann".

Vollständig zur Ruhe setzen wird er sich allerdings nicht, verrät Karl Kronmüller. Für die Heiner-Kamps-Stiftung "Brot gegen Not" möchte er sein Wissen über das Bäckerhandwerk im Ausland weitergeben, am liebsten in Japan. "In Asien ist die deutsche Brotkultur hoch angesehen", weiß er. Unter den rund 90 Bäckern, die er ausgebildet hat, waren auch einige Japaner.

Davon abgesehen ist Karl Kronmüllers Backstube immer wieder ein beliebtes Ziel für Besucher aus aller Welt - dann nämlich, wenn der Bäckermeister Studentengruppen aus dem Goethe-Institut zu Gast hat. Ihnen erzählt er Wissenswertes über die vielen Brotsorten wie beispielsweise Dinkel-Walnuss und über die süßen Spezialitäten mit Vollkornteig wie schwäbischer Butterhefezopf oder Hohenloher Klumpenkuchen.

Mit der Suche nach einem Nachfolger beschäftigt sich Karl Kronmüller seit etwa zwei Jahren. Seine Söhne - Industriemeister und Volkswirt von Beruf - schieden aus. Mit Andreas Kretzschmar, Geschäftsführer der gleichnamigen Bäckerei mit Sitz in Obersteinach, habe er den passenden Nachfolger gefunden. "Er steht hinter der Demeter-Philosophie und übernimmt meine Mitarbeiter", sagt Karl Kronmüller. Bis auf eine, die für Verkauf und Organisation verantwortlich war: seine Partnerin Ulricke Munk. Sie nimmt er natürlich mit in den Ruhestand.

Zur Person

Karl Kronmüller war mit 22 Jahren der jüngste Bäckermeister in Schwäbisch Hall und ist jetzt der dienstälteste. Er übernahm die Bäckerei in der Gelbinger Gasse im Jahr 1980 von seinem Vater. Mit der Zeit kamen weitere Verkaufsstände hinzu: im Berufsschulzentrum, bei den Stadtwerken, auf dem Wochenmarkt, am Omnibusbahnhof (Bistro) sowie auf dem Weihnachtsmarkt. Bereits 1982 stellte Kronmüller seine Bäckerei auf bio um. Seitdem bezieht er sein Getreide vom Demeter-Bauernhof Schmitt in Obersontheim und mahlt es selbst. Unmittelbar nachdem die Gelbinger Gasse vor 30 Jahren autofrei wurde, hat er den Haller Weihnachtsmarkt mitbegründet. Außerdem wirkte er in diversen Ehrenämtern, zum Teil bis heute: als Leiter der TSG-Tischtennisabteilung, Sozialrichter in Heilbronn, Mitglied im Bezirksrat und Widerspruchsausschuss der AOK und Prüfungsvorsitzender in der Bäckerinnung. Mit 242 Metern backte Kronmüller mit seinem Kollegen Stefan Renner im Jahr 1990 den längsten Lebkuchen der Welt zugunsten der Aktion Sorgenkind. Er war Vorsitzender der damaligen Aktionsgemeinschaft Gelbinger Gasse und anschließend im Vorstand von Schwäbisch Hall aktiv, inzwischen Co-Vorsitzender. Der 60-jährige Karl Kronmüller ist liiert mit Ulricke Munk (59) und hat zwei erwachsene Söhne.