Literatur Dem Leben entkommen

Marion Poschmann liest in Hall aus „Die Kieferninseln“.
Marion Poschmann liest in Hall aus „Die Kieferninseln“. © Foto: Maya Peters
Schwäbisch Hall / Maya Peters 17.04.2018

Gilbert Silvester ist ein Sonderling. Der „Bartforscher im Rahmen eines universitären Drittmittelprojekts“ ist Protagonist des poetischen Romans „Die Kieferninseln“ von Marion Poschmann. Am Donnerstag hat die Berliner Autorin in der Reihe „Literatur Live“ im ausverkauften Theatersaal des Alten Schlachthauses gelesen. 2017 stand sie auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Pointierte Beschreibungen

Ihre Sprache wirkt wie komponiert, sie ist voll pointierter Beschreibungen, intensiver Bilder und ungeheuer komisch. Die absurde Handlung zeugt von tiefgründigem Ernst und Humor. Die Zuhörer im Theatersaal amüsieren sich hörbar.

Zum Inhalt: Gilbert Silvester verlässt seine Frau Mathilda, weil er geträumt hat, sie sei ihm untreu gewesen. Beim Aufwachen liegt sie neben ihm, die schwarzen Haare „wie Tentakel einer bösartigen, in Pech getauchten Meduse“.

In einer absurden Kurzschlusshandlung fliegt er nach Japan – obwohl er es nicht mag. Dort angekommen, kauft er sich die Reisebeschreibungen des Haiku-Dichters Matsuo Bashō und setzt sich ein Ziel: Er möchte den Mond über den Kieferninseln sehen, einem der schönsten magischen Orte Japans. Doch zuvor hält er den Studenten Yosa Tamagotchi mehrfach vom Selbstmord ab. Auch, indem er mit ihm nach einem guten Platz zum Sterben sucht: „Hier ist es zu laut, zu unjapanisch, nicht dezent genug“, verwirft Gilbert ein Hausdach.

Suizid in der Kultur verankert

„Das japanische Suizid-Handbuch, das der Student bei sich hat,  gibt es in Millionenauflage“, so Poschmann im Exkurs. Für Recherchen hat sie 2014 einige Monate in Japan gelebt. Selbsttötung sei tief in der Kultur des Landes verankert, verweist die Autorin auf den Ehrbegriff der Samurai und das Ranking der „guten“ und „schlechten“ Orte dafür.

Cathrin Weiß vom Haller „Radio Sthörfunk“ geht in ein Zwiegespräch mit der Autorin. „Dinge, die man ablehnt, werden massiver“, erläutert Poschmann die Situation ihres Protagonisten. Mit der japanischen Ästhetik habe sie sich intensiv auseinandergesetzt und sich damit auch auf die dichterische Pilgerreise begeben. „Die Figur des Gilbert hat beim Schreiben ein Eigenleben entwickelt“, erzählt sie lächelnd. „Es gibt nur eine Fassung“, unterstreicht sie ihre Sprachsicherheit: Im Nachgang ändere sie kaum etwas.

„Das offene Ende in seiner Widersprüchlichkeit ist so gedacht“, schließt Poschmann mit einem Lächeln. Sowohl der Applaus für die kurzweilige Veranstaltung als auch die Schlange der Zuhörer zum Büchersignieren sind lang.