Kunst Das Suppen-Vermächtnis

Objektkunst ist eines der Sujets, in dem sich Sabine Arnold bewegt. Das Bild zeigt die ehemalige Gaildorfer Stadtmalerin zusammen mit ihrem Mann Frank Lämmle in der Galerie im Alten Schloss. Im Hintergrund einige von Arnolds Reliquienschreinen.
Objektkunst ist eines der Sujets, in dem sich Sabine Arnold bewegt. Das Bild zeigt die ehemalige Gaildorfer Stadtmalerin zusammen mit ihrem Mann Frank Lämmle in der Galerie im Alten Schloss. Im Hintergrund einige von Arnolds Reliquienschreinen. © Foto: Richard Färber
Gaildorf / Richard Färber 13.10.2018

Die Kunst ist ein empfindlich’ Ding – und deshalb trifft Sabine Arnold schier der Schlag, als sie die Galerie im Alten Schloss in Gaildorf betritt und eine Restauratorin vorfindet, die gerade Teile der Stuckdecke im Schenkensaal für eine statische Untersuchung öffnet. Arnolds Fotodrucke und Reliquienschreine und die Skulpturen ihres Mannes Frank Lämmle sind mit Folie abgedeckt. „Das sind Kunstwerke, das dürfen Sie nicht“, sagt Arnold zu der Restauratorin, und die Restauratorin sagt „Ogottogott“. Sie kann freilich nichts dafür. Ihren Auftrag hat sie von der Stadtverwaltung erhalten, wo man entweder vergessen hatte, dass an diesen Tagen eine Ausstellung  aufgebaut wird oder dachte, die Arbeit am Stuck störe nicht. Die Abdeckung der Kunstwerke sei mit der Verwaltung abgesprochen, sagt die Restauratorin.

Hektische Telefonate

Der Feinstaub, erklärt Sabine Arnold, setze sich auf den Fotodrucken fest; sie werden zerkratzt, wenn man darüberstreicht. Und weil die Räume der Galerie offen sind, würden auch die Kunstwerke im Flur und in anderen Zimmern in Mitleidenschaft gezogen.

Es gibt einige hektische Telefonate und irgendwann sind dann auch ziemlich viele Leute in der Galerie: Angela Geiger und Manfred Schwarz vom Vorstand der IG Kunst, die beiden Stadtmaler-Kümmerer Martin Zecha und Rolf Deininger, Reinhard Gesierich von der Stadtverwaltung. Die Restauratorin packt ein.

„Die Leute sehen immer noch aus wie damals“, sagt Sabine Arnold. „Damals“ meint das Jahr 1999 als sie, 34-jährig, als zweite Stadtmalerin nach Gaildorf kam. Rückblickend, sagt Arnold, sei ihre Erinnerung an jene Zeit „durch und durch positiv – überraschenderweise“.

Tatsächlich war es ein turbulentes Stadtmalerjahr. Die Künstlerin aus Waiblingen platzte in einen Konflikt hinein, der von ihrem Vorgänger ausgelöst worden war. Der Bildhauer Heinrich Knopf hatte nicht nur Kunst geschaffen, sondern auch eine Skulpturenausstellung organisiert, sich also ins Revier der IG Kunst gewagt. Der Streit zwischen der IG Kunst und dem Künstler Diethelm Reichart, der das Projekt Stadtmaler initiiert hatte, führte zur Gründung des „Förderkreis Stadtmaler“.

Die Sache war damit nicht ausgestanden. Von allen Seiten sei an ihr gezerrt worden, erinnert sich Arnold, sogar Liebschaften seien ihr angedichtet worden. Schließlich ging sie zum damaligen Gaildorfer Bürgermeister Kurt Engel, „der einzig Neutrale“, der dann die Schirmherrschaft über die Stadtmaler übernahm.

Man muss ihr diese Erinnerungen ein wenig aus der Nase ziehen, sie kommen nicht spontan. Spontan erinnert sich Sabine Arnold an Herzlichkeit und Hilfsbereitsschaft und daran, wie sie von den Gaildorfern angenommen, wie sie als „unsere Stadtmalerin“ angesprochen wurde – das sei einmalig, sagt sie. Und es freue sie ungemein, dass es gelungen sei, Reicharts Idee für Gaildorf zu konsolidieren, dass es bis heute Stadtmaler gibt. Noch heute arbeitet sie immer wieder mit Diethelm Reichart zusammen, der mittlerweile in Stuttgart lebt.

Ihre Ausbildung zur Künstlerin erhielt Sabine Arnold überwiegend in Ateliers professioneller Maler in Stuttgart und Kaiserslautern. Studiert hat sie Sozialwissenschaften an der Universität Koblenz-Landau. Nebenbei bietet sie deshalb auch Coaching-Kurse an – mit künstlerischen Ansätzen, wie sie betont. Hauptberuflich aber ist Sabine Arnold Künstlerin

Als sie Ende 1999 Gaildorf verließ, hinterließ Sabine Arnold den Gaildorfern einen Schrein aus Milchglas, gefüllt mit Fotografien von Gaildorfer Bürgern. Er steht in der Kirchgasse auf einem eigens errichteten Gerüst und wurde vor einigen Jahren auch saniert, enthält aber vermutlich „nur noch Suppe“. Das freut die Künstlerin: „Vergänglichkeit ist Leben pur“, sagt sie. Patina, das Ab- und Angegriffene, „empfinde ich als schön“.

Ab- und Angegriffenes findet man auch in der Ausstellung im alten Schloss, die Sabine Arnold und ihr Mann Frank Lämmle ab Sonntag in der Galerie im Alten Schloss zeigen. In Arnolds „Reliquienschreinen“ etwa stecken Fundsachen aller Art, „unbedeutende Gegenstände“, sagt Arnold, die durch ihre Präsentation neue Bedeutung erlangen. Und die Installation „TUTS“, eine waagerecht in den Jakob-Schober-Saal gehängte Kiepe, auf der einige Objekte  liegen, wartet auf weitere Gegenstände von Ausstellungsbesuchen. „Tut’s“, grinst Arnold.

Lämmles verletzte Steine

Den harten Kontrast liefert ihr Mann: Frank Lämmle zeigt überwiegend Unveränderliches: Steine, segmentiert, geritzt, geschnitten wie Brot, mitleiderregend verletzt und geklammert. Seine „Installation Gaildorfer Schloss“ im Willo-Rall-Raum fällt freilich aus dem Rahmen: Rund 2500 Gummiringe wurchern duch den Raum, über die Fußleisten, über und um große Kieselsteine herum und die Balken an der Wand empor. Eine Invasion?  „Was du mitbringst, wirst du sehen“, sagt Lämmle.

Info Die Ausstellung „’DER EINE MOND’ – Reise ins Unbewusste“ in der Galerie im Alten Schloss in Gaildorf wird am Sonntag, 14. Oktober, 17 Uhr, im Wurmbrandsaal eröffnet. Zur Einführung spricht der Galerist Matthias Küper.

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